cover und es schmilzt
Roman:
Lize Spit
Preis:
22,- €

Rezension von:
Bewertung:
5
26. August 2017
Letzte Änderung:27. August 2017

Brutal, grausam, obszön. Die Axt, die Kafka fordert, für das gefrorene Meer in uns!

Lize Spit – Und es schmilzt

Lize Spit legt mit Und es schmilzt einen Debütroman vor, der an Spannung kaum zu überbieten ist. Das Buch ist ein Mahlstrom, der uns unweigerlich herabzieht in die Tiefen der menschlichen Niederungen. Wer dagegen ankämpft, wird kraft- und somit widerstandslos in seinen Gefühlen ertrinken. Nur wer sich mitreißen lässt und bereit ist, den Grund zu erforschen, wird ein sprachliches und emotionales Meisterwerk entdecken. Allerdings, und dies sei gleich zu Beginn gesagt, ist Und es schmilzt eine extreme Herausforderung für die eigene Gefühlswelt. Es handelt sich keineswegs, wie Cover und Verlagswerbung suggerieren, um eine spannende Enthüllungsgeschichte. Oder um ein Dorfidyll wie es beispielsweise in Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers geschildert wird. Auch wenn es scheinbare Ähnlichkeiten gibt. So geht es in der Verfilmung von Stephen Kings Kurzgeschichte um eine Leiche, um Teenager, um Freundschaften und einen denkwürdigen Sommer, ebenso wie bei Lize Spit.

„Es gab häufig vorkommende Namen: Tim, Jan und Ann. Sowohl Pim als auch Laurens hatten einen Bruder, der Jan hieß, obgleich es ab dem Winter 2001 einen Unterschied bei diesem »haben« geben sollte. Laurens hatte da noch einen Bruder; Pim hatte lediglich einen Bruder gehabt.“

Es ist diese trockene, beiläufige Art in der der Plot präsentiert wird, die von Beginn an irritiert. Und je weiter die Geschichte voranschreitet, wird das vermeintlich beschauliche Dorfleben zum traumatisierenden Horror, wie ihn Michael Haneke in Das weiße Band gezeigt hat. Wer mit expliziten Gewaltszenen, aus welchen Gründen auch immer, nicht umgehen kann, sollte unbedingt die Finger von Lize Spits Debüt lassen. 1)Eine entsprechende Warnung seitens des Verlages, könnte man heutzutage durchaus erwarten. Entsprechend negative Rezensionen und Bewertungen können jedenfalls kaum überraschen.

Das Eis in unserem Herzen

Lize Spit verstört die Leser von Anbeginn. Die Emotionslosigkeit mit der uns die Namensvetterin der Autorin Eva 2)der zweite Name von Lize Spit ist ebenfalls Eva, vorgestellt wird, ist äußerst befremdend.

„Nach einem halbe Jahr wollte er nicht nur reden, sondern auch befriedigt werden. Das empfand ich nicht unbedingt als Plus, aber es störte mich nicht, solange er sich vorher wusch und ich meine Kleider anbehalten durfte.“

Diese Affektarmut wirkt geradezu hypnotisch. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Schlechter Stil beziehungsweise abwegige Charaktere oder aber Absicht und daraus folgert die Frage: welches Schicksal hat zu dieser Gefühllosigkeit geführt? Was ist der Protagonistin widerfahren? Und bei dem sonstigen Schreibstil ist zu erwarten, dass hier mit den Erwartungen und Gefühlen der Leser gespielt werden soll. Und darin erweist sich Lize Spit als Meisterin. Der Spannungsbogen wird extrem langsam, schon fast gnadenlos langsam weitergespannt, was zur Fehlannahme von Langeweile oder Eintönigkeit verleiten lässt. Dabei wird alle paar Seiten eine weitere Zusatzinformation platziert, die das Rätsel um die Grundgeschichte des Romans nach und nach lösen hilft.

Lize Spit webt diese Hinweise allerdings dermaßen beiläufig ein, dass man schon genau darauf achten muss, was hier eigentlich das Rätsel ist und was genau im Mittelpunkt der Erzählung steht. Der Erzählstil ist dabei angelehnt an die Grundthematik des Romans. Der seltsame Eisblock den Eva im Kofferraum mit sich führt bei ihrer Reise zurück in das Heimatdorf, 13 Jahre nach dem Sommer, der alles ändern sollte, ist Symbol für die Kälte, die die ganze Geschichte umgibt. Diese Grabeskälte liegt auf beinahe jeder Seite. So eisig wie Eva zu sein scheint, so erkaltet sind auch die familiären Beziehungen. Aber vor allem die Menschlichkeit und das Mitgefühl scheinen in dem kleinen Dorf in Flandern erfroren zu sein. Was häufig grotesk anmutet, ist letztlich nur die literarische Verdichtung des Alltäglichen in einem kleinen Dorf, in wenigen genannten Familien. Ein Vater, der sich vor seinem Kind die Schlinge um den Hals legt, um den jederzeit möglichen Selbstmord zu demonstrieren. Eltern, die den ganzen Tag über Alkohol trinken und sich bei Dorfveranstaltungen zum Gespött der Gemeinde machen. Depressive Mütter, psychopathologische Kinder, die sich die Frage stellen: „Was würdest du schlimmer finden? […] Der Hund tot oder Papa tot?“

Was soll aus Kindern werden, die in solch einem düsteren Dorf aufwachsen? Welche Eigendynamik ergibt sich aus dem Aufeinandertreffen der verschiedenen Charaktere? Was wir unter Individualismus verstehen, ist oft nichts anderes als unterschiedliche Ausprägungen von psychischen Krankheiten, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen und Psychopathien. Wir erkennen nicht oder wollen nicht erkennen, dass sich hinter den Fassaden, hinter den zugezogenen Vorhängen, Dramen und Tragödien abspielen. Und damit ist Lize Spits Roman nicht einfach Unterhaltung, sondern zugleich Anklage. Ganz dem Aphorismus verpflichtet: „Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.“ Oder fatalistischer: „Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können.“

Genial oder Medienhype?

Lize Spits Dramaturgie und explizite Gewaltdarstellungen erinnern in Gänze an den bereits erwähnten oscarprämierten Regisseur Michael Haneke. Filme wie Bennys Video und Funny Games könnten filmische Paten sein. Juliette Binoche, Hauptdarstellerin in Hanekes Film Chaché, formulierte zutreffend: „Für mich sind Hanekes Filme notwendige Filme. Von Zeit zu Zeit sollte man sie sich ansehen. Aber sicher nicht immer.“ Gleiches kann man über Spits Debüt sagen. Es ist ein notwendiges Buch, dass man lesen sollte. Aber sicher nicht alle. Es ist eben keine Pflichtlektüre, weil es auch gar nicht alle ertragen können.

Wenn man Lize Spit kategorisieren oder vergleichen möchte, dann scheint es am treffendsten zu sein, sie als einen literarischen Michael Haneke zu titulieren. Da Lize Spit nach Selbstauskunft kaum liest, sondern viele Filme schaut, scheint dieser Vergleich auch nicht allzu weit hergeholt.

Und genau wie bei Hanekes Filmen werden wir an die Grenzen des Erträglichen geführt – und darüber hinaus. Es werden Gefühle evoziert und provoziert, die viele Menschen kaum auszuhalten vermögen. Wir sind dermaßen zivilisiert, dass wir die realistische Schilderung von Brutalität kaum mehr ertragen können. Und das wäre auch gut so, wäre es nicht so bigott. Denn Haneke und Spit führen uns vor Augen, dass diese Brutalität nicht weg ist. Der Soziologe Norbert Elias nannte uns „die späten Barbaren“. Wir sind zwar einerseits zivilisierter als frühere Generationen, aber wir sind weit entfernt davon friedlich und freundlich miteinander zu leben, auch wenn wir uns das immer wieder selbst einzureden versuchen. Wir sind die späten Barbaren. Unter unseren Augen geschehen die Grausamkeiten, die wir für überwunden halten oder zu verdrängen suchen.

Lize Spit holt das Verdrängte aus dem gesellschaftlichen wie individuellen Unbewussten hervor und hält es uns vor Augen: „Seht hin!“ Und dieses hinsehen schmerzt. Es schmerzt so sehr, dass man den Boten verabscheut, anstatt die Nachricht wirken zu lassen. Natürlich ist das Explizite, das Obszöne und geradezu Gewaltpornografische auch Effekthascherei und es bedient zugleich den Voyeurismus des Feuilletons. Es ist die Lust an der Provokation, die die Verkaufszahlen erhöhen wird. Es ist die hollywoodeske Übersteigerung, die immer noch einen drauf setzen muss, um wahrgenommen und damit verkauft zu werden.

Lize Spit und das Feuilleton

Es ist dieser Tanz auf dem Drahtseil, der es so schwierig macht, Lize Spits Und es schmilzt als Pflichtlektüre zu empfehlen. Es ist einerseits genial, so man denn das eigene Spiegelbild ertragen kann und es ist andererseits banal, denn die Provokation ist mittlerweile des Feuilletons liebstes Kind. Deshalb auch der Hype um Lize Spit. Diese allerdings verwehrt sich diesen Hype, sieht sich selbst als Textarbeiterin, die in einem intensiven Jahr mit bis zu 16 Stunden Arbeitstagen das Buch geschrieben hat. Sie hat alle Ideen einfließen lassen, die sie seit mehreren Jahren in sich trägt. Insofern hat sie alles auf eine Karte gesetzt. Wäre das Buch gefloppt, wären alle guten Einfälle bereits verbrannt gewesen. Und dass das Feuilleton den Torture Porn abfeiert anstatt zu kritisieren oder zumindest aufzugreifen, um die darin verborgene Gesellschaftskritik zu diskutieren, dafür kann Lize Spit nun wahrlich nichts.

So wird Und es schmilzt mit Superlativen überhäuft. Es ist kaum noch zwischen Verlagswerbung und Pressestimmen zu unterscheiden. „Das radikalste Update zu »Der Fänger im Roggen«!“, so der Verlag. Eine Verbindung, die sich wohl nur in Werbeabteilungen erschließt. »Übertrifft alle Erwartungen!« (De Morgen), »Dieser Roman ist eine Granate, die erst nur einen dunklen Schatten wirft und dann mit kaltblütiger Präzision einschlägt.« (De Standaard) »Geschrieben mit der Treffsicherheit eines Messerwerfers. Ein Todesstoß.« Bregje Hofstede. »Diese Geschichte packt Sie an der Kehle.« (De Standaard)

Michael Haneke hat seine brutalen Gewaltszenen gerade deshalb so inszeniert, „um Gewalt als das darzustellen, was sie immer ist, als nicht konsumierbar.“ Ob Lize Spit einen ähnlichen Weg gehen wird oder ob sie sich dieses Sachverhaltes überhaupt bewusst ist, kann nur die Zukunft zeigen.

Großartiges Debüt

Die Entstehungsumstände des Buches scheinen allerdings nicht besonders förderlich gewesen zu sein. Das Buch musste innerhalb eines Jahres fertiggestellt werden, damit der Crowdfunding finanzierte neue Verlag DAS MAG das Buch in das Start-Verlagsprogramm aufnehmen konnte. Auch könnte der (selbstauferlegte) Zwang unbedingt ein Werk abzuliefern, das ein Erfolg wird und damit den Verlag pusht, der Antrieb gewesen sein, die Gewalt zu einem Exzess werden zu lassen, der in Gänze nicht glaubwürdig wirkt. Dennoch, das Buch wird in mehrere Sprachen übersetzt und die Filmrechte sind bereits verkauft. Der Traum vieler Verleger und Autoren. Ist es nun Mainstream oder Liebling der Feuilletons? Und gibt es da überhaupt noch einen Unterschied?

Der Roman wird auch weiterhin kontrovers sein, weil viele Menschen die Gewaltdarstellungen nicht aushalten können. Das ist vollkommen legitim und hätte vor allem als Warnung in die Werbung für das Buch gehört. Es ist allerdings auch gleichzeitig genau dieses Verdrängen der alltäglichen Gewalt aus dem persönlichen Nahbereich, das Wohlfühlen wollen in der eigenen Komfortzone, während um einen herum die Welt zerbricht, das genau dieser Roman aufzurütteln vermag. Insofern wäre eine schlechtere Bewertung aufgrund der expliziten Darstellung und des Grundthemas des Romans lediglich ein Zeichen der Abwehr der eigenen Gefühle, vor allem der Gefühle von Verantwortung für sich und seine Mitmenschen.

Die gleiche Kälte die sich in Und es schmilzt zeigt, legt sich über das eigene Mitgefühl. Wir wollen nichts von den Abscheulichkeiten um uns herum wissen. Wollen uns nicht einmischen. Hier ist Lize Spits Roman das Brecheisen zu unserem vereisten Herzen, die Schaufel mit der uns unsere Teilnahmslosigkeit und unsere Mitleidlosigkeit an die Schläfe geschlagen wird.

Es gibt lediglich einen kleinen Wermutstropfen, nämlich das Rätsel im Rätsel, der mitgeführte Eisblock und die damit verbundene Geschichte. Wer dieses Rätsel bereits kennt, und in den 90er Jahren waren diese Rätselkrimis oder genauer Laterale ziemlich beliebt, dem ist ein Grundelement der Story von vornhinein klar. Glücklicherweise bleibt die Spannung aber bestehen, zumal die Frage nach dem „Was ist hier um Himmels Willen eigentlich los?“ die ganze Zeit zum Lesen antreibt.

 

Mehr Informationen gibt es bei S. Fischer.

Eine Leseprobe gibt es bei Vorablesen.

 

Lize Spit
Und es schmilzt
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Hardcover
Seiten: 512
Verlag: S. Fischer
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-10-397282-5

Lize Spit in DAS MAG
In Zusammenarbeit mit dem mairisch Verlag ist DAS MAG in einer Sonderausgabe auf Deutsch, als Best-of der spannendsten jungen Autorinnen und Autoren der Niederlande und Flandern erschienen. Lize Spit hat zu diesem Band ebenfalls eine Kurzgeschichte beigesteuert. In Sattelschmerzen zeigt sie, dass Psychopathologien ihr Thema sind. Und sie zeigt, dass sie dieses Thema beherrscht. Die Gedanken verletzter Menschen, die an sich und der Gesellschaft verzweifeln, wurden selten so authentisch und emotional ansteckend dargestellt. Allerdings findet sich auch hier wieder die schmerzhafte, explizite Darstellung von Gewalt, selbstverletzendem Verhalten. Wie bereits geschrieben ist es wichtig, so etwas zu lesen und auf sich wirken zu lassen. Ob das allerdings auf Dauer reicht und sich nicht abnutzt, ist schwer vorauszusehen. Momentan ist es außergewöhnlich und außergewöhnlich gut.

„Dann kommt die Entscheidung: Heute Nacht muss ich kaputt gehen. Es hat wenig Sinn, ungeschoren nach Hause zu fahren.“

Das Mag – “The Best-of”
Broschur
Format 20x 24 cm
100 Seiten
Preis: 14,00 €
ISBN 978-3-938539-38-5

(Visited 320 times, 1 visits today)

Nachweise   [ + ]

1. Eine entsprechende Warnung seitens des Verlages, könnte man heutzutage durchaus erwarten. Entsprechend negative Rezensionen und Bewertungen können jedenfalls kaum überraschen.
2. der zweite Name von Lize Spit ist ebenfalls Eva