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Michail Bulgakow - Meister und Margarita - Koreander

Die Macht von Büchern ist bekanntlich groß. Sie ermöglichen Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft, den Besuch exotischer Orte, die Antizipation von Geschehen wie auch die Einnahme einer unbegrenzten Zahl von Identitäten. In Zeiten allgemeiner epidemischer Gereiztheit und zunehmender sozialer Polarisierung können Bücher sogar behilflich sein, um mentale Bremswege zu verlängern und Entfremdungstendenzen entgegenzuwirken.

Krieg als Abnutzung der Sympathie

Seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine und die unverhohlene Aggression gegen die Europäer als deren Unterstützer, hat das öffentliche Bild Russlands als einer großen Kulturnation hierzulande stark gelitten. Die systematische Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur, gezielte Tötungen von Zivilisten, der rege Gebrauch einer auf Lug und Trug basierenden Propagandamaschinerie sowie Kinderverschleppungen aus widerrechtlich okkupierten, mit Gewaltverbrechen beherrschten Gebieten, die dem russischen Regierungschef und seiner Kinderrechtskommissarin kürzlich einen äußerst seltenen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofe („Weltstrafgericht“) einbrachten, eignen sich schlichtweg nicht als Sympathieträger. Boykotte und Ausladungen russischer Künstler, Stopps für Vorlesungen russischsprachiger Literaten, Stornierungen von Auftritten und Konzerten, Verschiebungen von Ausstellungen sowie Aufforderungen sich unmissverständlich gegen das Putin-Regime und den Krieg zu positionieren, waren im Jahr 2022 die Folge. Sie verdeutlichten die Stärke des affektiven Gegenwindes, den man auch als weitreichende Abnutzung der Sympathie für die russische Kultur interpretieren kann.

Meister und Margarita – Ein lohnenswerter Russe

Gerade die Gegenwart, wo so manches Vorurteil ungestraft florieren kann, Ablehnung populär scheint und die innere Frontstellung sich für absehbare Zeit verhärtet, legt die Erinnerung an die Werke russischer Kultur und eine Ermutigung zum Kennenlernen bzw. die Relektüre des einen oder anderen berühmten „Russen“ nah. Diese eignen sich hervorragend als Stoßdämpfer für mächtige Aggressionen und können antientfremdend wirken. Die Macht der Bücher als Instrumente des inneren Dialoges und der sanften Distanzierung nicht zu nutzen, wäre regelrecht „meschugge“. Und würde als stille Zustimmung zum Plan einer gegenseitigen Entfremdung den geopolitischen Strategen und Propagandaingenieuren geradewegs in die Hände spielen.

Wenn wir schon bei ziemlich „meschugge“ sind: Gerade so kommt dem stadtbekannten Redakteur Michail Alexandrowitsch Berlioz und dem Dichter Iwan Nikolajewitsch Ponyrjow der hochgewachsene “deutsche Professor” mit dem linken grünen Auge vor, der sie zur heißen Dämmerstunde unweit der Moskauer Patriarchenteiche anspricht. Beide befinden sich in einer gelehrten Unterhaltung über Jesus Christus und weitere Gottessöhne der Geschichte, da der Entwurf einer Auftragsarbeit Ponyrjows zum Gesalbten nicht den richtigen Ton getroffen hatte. Das große antireligiöse Poem müsse neu geschrieben werden. Heiße Aprikosenbrause, ein Schluckauf, der phönizische Tammuz und jetzt dieser offenkundig verrückte hochgewachsene Ausländer im teuren grauen Anzug und ausländischen Pantoletten. Schließlich soll er beim Frühstück noch mit dem großen Philosophen Kant über Gottesbeweise debattiert haben, wo dieser doch seit weit über 100 Jahren tot sei. Und überhaupt, wieso kann er so gut Russisch und kennt beider Namen?

Die Begegnung mit dem “Spezialisten für schwarze Magie” bildet den Auftakt des literarischen Großwerkes Michail Bulgakows mit dem Titel „Meister und Margarita“ in der Übersetzung von Alexander Nitzberg. Es ist eine äußerst schräge, von merkwürdigen Gestalten reich bevölkerte, sprachlich großartig geschilderte Tour durch das Moskau der 1930er Jahre. Verfasst von einem Autor, der in dieser Hochphase des stalinistischen Terrors bereits nicht mehr publizieren durfte und an seinem Lebenswerk, das auch eine große Liebesgeschichte ist, zwölf Jahre lang schrieb.

Zum besseren Verständnis und horizonterweiternden Einordnung des skurrilen Ganzen helfen die Notizen des Übersetzers, ein Nachwort von Felicitas Hoppe und die detailreichen Anmerkungen zu einzelnen Textstellen. So lehnt man sich in der Gesamtschau vielleicht gar nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man das Buch auch wie eine Anleitung für die tägliche Erfahrung derjenigen russischen Staatsbürger nimmt, die, ohne im Speziellen als Menschenrechtler, Oppositionelle oder Regimekritiker zu agieren, in ihrer Heimat aktuell unter staatlichen Repressionen, einer korrupten Justiz, zutiefst deformierten Öffentlichkeit mit Wahrheitsverbot, sowie Hetzjagden auf Andersdenkende und verordneter Sprachlosigkeit leiden. Einer dieser großen Russen, der in seinen Bann zieht und nach mehr verlangen lässt.

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