cover mein leben in deutschland
Roman:
Viktor Funk
Preis:
21,90 €

Rezension von
Bewertung:
5

Auf einen Blick:

Kann man jemanden lieben ohne sich selbst zu kennen?

Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich

„Die Liebe ist nicht ein, sondern der einzige Weg um glücklich zu werden.“ Ein wunderbarer Aphorismus der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan. Nur was geschieht, wenn sich die verschiedenen Objekte der Liebe in einem Spannungs- oder gar Konkurrenzverhältnis befinden? Viktor Funk erzählt in seinem Debütroman Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich eine wundervolle und schmerzhafte Geschichte dieser widerstrebenden Gefühle. Es ist eine Geschichte von der Liebe zu einem anderen Menschen, der Liebe zur eigenen Familie und damit zur eigenen Geschichte und Identität. Es ist eine Geschichte von Aus- und Zuwanderung und damit der Liebe zur zurückgelassenen Heimat aber auch der Liebe zur neuen Kultur. Und es ist auch eine Geschichte der Liebe zu sich selbst, der Anerkennung von Gemeinsamkeiten aber auch Unterschieden. Es sind diese verschiedenen Formen der Liebe, jede für sich wichtig, aber doch nicht alle miteinander vereinbar, die den Protagonisten aus seinen Alltag reißen. Der Kampf der Emotionen um Identität, Authentizität und Integration machen den Roman zu einem hochaktuellen Leseereignis aus dem die Mehrheitsgesellschaft lernen kann und mit dem Migrationserfahrene sich identifizieren können.

Einwanderungsland Deutschland

„Etwas fraß sich durch mein Gedärm, quetschte meinen Magen zusammen, trat wild gegen mein Herz, drückte mir die Luftröhre zu, schnitt mir von innen den Brustkorb auf, ließ meine Finger zittern und meine Hände und Füße frieren.

Ich stand auf. Ich ging. Wortlos.

Ich wünschte, so hätte ich reagiert. Wahr ist, dass ich sitzen blieb, dass mir die Kraft fehlte zu gehen. Karina ging.“

Viktor Funk hat einen autobiografisch inspirierten bzw. durch persönliche Erfahrungen gereiften Roman geschrieben, der der fundamentalen Frage „Wo gehöre ich hin?“ nachgeht. Der Ich-Erzähler ist einer der 2,5 Millionen sogenannten Russlanddeutschen, Spätaussiedler, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Deutschland kamen. „Ich war elf und Deutschland roch nach Mandeln und Vanille und hatte den besten Kuchen der Welt.“ Mitten in der Kindheit der alten Heimat entrissen, noch dazu einen Teil der Familie in Kasachstan zurücklassend. Aus der sowjetischen Peripherie ins Zentrum des westlichen Kapitalismus. Deutschland als Kulturschock.

„Als Kind wollte ich Lenin werden. […] in Deutschland interessierte Lenin mich nicht. Hier gab es Haribo-Teufel, gegrillte Hähnchen, Hamburger mit Röstzwiebeln und Überraschungseier. Deutschland war ein riesengroßes Kaufhaus mit Lego-Raumschiffen, Transformers-Robotern, Heman-Figuren, Matchbox-Autos und Panini-Sammelalben. Ich stand oft vor einem Spielzeuggeschäft in der Wolfsburger Innenstadt und traute mich nicht hinein, ich sprach weder gut deutsch, noch hatte meine Familie Geld für Spielzeug.“

Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich ist ein wunderbar unaufgeregter Roman mit einigen melancholischen Zügen ohne jemals ins Triviale abzugleiten. Der Leser begleitet Viktor Funks Protagonisten A. von der Ankunft in Deutschland bis nach dem Studium und der ersten großen Liebe, die zugleich den Kern der Geschichte ausmacht. Marie kommt aus Rumänien und lebt ihre Herkunft selbstbewusst aus. A. hingegen, versteht sich als Deutscher. Angepasst. Assimiliert.

„Meine Mitschüler, meine Kommilitonen und Mark waren erzogen worden, ihr Glück vom Leben einzufordern; ich war in Deutschland dazu erzogen worden, nicht aufzufallen und niemanden zu stören.“

Auch wenn Viktor Funk keine Geschichte über Rassismus geschrieben hat, so sind es solche Sätze, die die Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft offenbaren, die kaum etwas anderes sind als Alltagsrassismus oder zumindest Ressentiments. Wir erwarten, dass sich die “Gäste” still verhalten. Sie sollen in ewiger Dankbarkeit zu Kreuze kriechen. Ansprüche haben sie keine zu stellen, selbst wenn sie hier arbeiten, Steuern zahlen und schon lange eingebürgert sind. Es sind diese kleinen Nebensätze, diese Beschreibungen von Empfindungen – ganz ohne Anklage – die eine emotionale Tiefe offenbaren, welche das Lesen zu einem literarischen Genuss machen.

(K)ein Liebesroman

Die Liebe zu Marie stellt A. auf eine harte Probe. Alles was bisher Gewiss war, wird plötzlich in Frage gestellt. Kann man sich als Migrant wirklich als Deutscher fühlen? Wieviel Erinnerung an die Heimat, wieviel Tradition darf man dann noch leben? In den Augen von Marie ist A.s Überangepasstheit geradezu ein Verrat an seine Herkunft. A. gerät in einen Strudel, ein Kampf mit sich selbst und mit Marie. Ein Kampf um Sinn, Liebe und Identität. Ein Kampf, den keiner gewinnen kann und den man dennoch kämpfen muss.

Viktor Funks Debütroman ist nicht nur aufgrund seiner aktuellen Thematik und des ruhigen Schreibstils ein Genuss. Es gibt wunderschöne Formulierungen bei denen sprachaffine Leser schwelgen dürfen.

„Aus dem Espressokocher stieg Dampf auf, es roch nach Kaffee. Ich atmete tief ein und hielt den Duft in mir wie eine Schluck Wein, der zu gut schmeckt, um schnell hinuntergeschluckt zu werden.“

Wer Migrationserfahrung hat, wer wissen möchte, wie es sich anfühlt plötzlich in einer neuen Gesellschat leben zu müssen, wer die widerstreitenden Gefühle kennt, wen die Fragen nach Identität und Herkunft berühren und wer einfach gerne gelassene Geschichten mit einer schönen Sprache lesen möchte, sollte bei Viktor Funk zugreifen. Ein Autor von dem wir sicher noch mehr lesen werden.

 

Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es direkt beim Größenwahn Verlag.

Zur Webseite von Viktor Funk.

Viktor Funk
Mein Leben in Deutschland begann mit einem Bienenstich
Hardcover
Seiten: 250
Verlag: Größenwahn Verlag
Preis: 21,90 €
ISBN: 978-3-95771-184-7

Info
In Deutschland leben mehr als 18 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, also etwa jeder Fünfte. Dabei handelt es sich um Menschen auf der Flucht, Asylsuchende oder Zuwanderer. So ist Deutschland, nach den USA, das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt. Und diese Veränderung macht vielen Alteingesessenen Angst. Fremdenfeindlichkeit bestimmt nicht mehr nur den Stammtisch, sondern wieder die Politik. Es wird über eine deutsche Leitkultur phantasiert und Assimilation eingefordert. Es wird über einen Kampf der Kulturen, über Flüchtlinge, über „die Anderen“ geredet; aber es wird kaum mit den Zugezogenen geredet. Wie geht es Migranten? Wie erleben sie Flucht, Vertreibung, vielleicht in der zweiten oder schon dritten Generation? Welche Ängste, Hoffnungen und Wünsche haben Menschen mit Migrationshintergrund?