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Roman:
Kat Kaufmann
Preis:
20 €

Rezension von
Bewertung:
5

Auf einen Blick:

Herausragendes Debüt über das Leben selbst

Superposition

Kat Kaufmanns Superposition scheint mir eines der meist fehlrezensierten Bücher am Markt zu sein. Sie erhielt den aspekte-Literaturpreis für das beste Debüt 2015. In der Begründung heißt es: „Der Schriftstellerin Kat Kaufmann gelingt es in ihrem Debüt-Roman ‚Superposition‘ in großartiger Weise, die großen Fragen unserer Zeit neu zu stellen.“ Diese Vorlage diente den meisten Rezensenten dann wohl dafür, Kaufmanns Roman in die die großen Fragen unserer Zeit hineinzupressen. Es gehe um Migration und Flüchtlinge. Es sei ein klassischer Roman über eine Identitätssuche. Und auf der anderen Seite wurde das Debüt banalisiert. Es sei ein Hauptstadt-Roman, eine weitere Geschichte des hippen Berliner Lifestyle. Alles davon kommt natürlich vor, aber nichts davon trifft den Kern der Geschichte. Tatsächlich hat Kat Kaufmann Jean Paul Sartres „L’ Enfer c’est les autres“ – „Die Hölle, das sind die anderen“ – in die selbstzerstörerische Gegenwart transformiert. Natürlich ist Kaufmann damit nicht die neue weibliche Sartre. Kat Kaufmann ist Kat Kaufmann und das Debüt verspricht, dass das auch genügt.

Kat Kaufmann stellt sich nicht die großen Fragen und sie beantwortet sie schon gar nicht. Sie zeigt nichts anderes als das Scheitern des selbstbestimmten Lebensweges, die Begrenzung der eigenen Möglichkeiten, das Zerstören der Wünsche und Hoffnungen durch eine an Oberflächlichkeit und Konsumismus leidenden Welt. Hier wird nicht nur Ware konsumiert, hier werden Menschen konsumiert. Kat Kaufmann bringt ihre Protagonistin Izy des Öfteren an den Punkt, wo sie lediglich Objekt ist. Kaufbar, ausnutzbar, austauschbar. Sei es ihr Arbeitgeber, der nicht nur ihre künstlerische Leistung, sondern gleich noch ihren Körper mit zu bezahlen glaubt. Oder seien es die kleinen Auftritte die die Jazzsängerin benötigt, um sich finanziell über Wasser zu halten, bei denen das Publikum sich nicht im Geringsten für ihre Kunst interessiert. Oder Izys Liebe Timur, der sie allerdings nur vögelt, so wie er viele andere vögelt, während er in einer Beziehung ist, die er nicht gedenkt für andere zu beenden. Timur konsumiert halt gerne Frauen.

Superposition des Scheiterns

Izy verzweifelt an der Oberflächlichkeit der Gesellschaft und reproduziert doch zugleich ihre eigene Art von Oberflächlichkeit und Ignoranz. Die anderen sind die Hölle und zugleich ist man selbst ein anderer für jemanden. Kaufmanns Roman ist eine teils luzide Erzählung, die einen Flow entwickelt, der den Leser sowohl in seinen Bann zieht als auch gleichzeitig – aufgrund des verwendeten Sprachstils – einlullt. Das scheint mir auch der Grund zu sein, für die zahlreichen Fehlinterpretationen. Der Sprachstil lässt die Feuilletons entzücken: Moderne Literatur mit rauer Sprache. Und geblendet von diesem Sprachstil vergessen sie zu merken, dass das keine Attitüde ist, dass das kein Stilmittel ist, sondern dass das sie Sprache junger Menschen ist. Es ist die Alltagssprache. Die ist nicht rau, sie ist.

Dieser sehr eigentümlich Flow, den Kaufmann entwickelt und den Izy lebt, verleitet das Großstadtmilieu dazu einen Berliner Partyroman zu lesen. Natürlich macht Izy Party. Sie bestellt drei Wodka auf einmal. „Ich habe Pläne. Mein Kopf soll ausgehen. Das Stakkato soll ausgehen. Ruhe in meinem Kopf. Jede einzelne Synapse soll besoffen in der Ecke liegen. Und endlich die Schnauze halten.“ Dem geneigten Berliner reicht die Schilderung und wer mehr will bekommt mehr, später gibt es noch Koks. Nach dem Warum, fragt man nicht mehr. Da ist sie wieder die Oberflächlichkeit. Izy scheitert an der Gesellschaft, an den anderen, an den Erwartungen, an sich selbst. Das Leben ist anstrengend. Häufig zu anstrengend. Die Versprechungen des Kapitalismus und der Kindheit, ‘aus euch kann alles werden, wenn ihr euch nur anstrengt‘, sind unwahr. Und doch wollen diese Stimmen, diese Verheißungen, dieser Anspruch einfach nicht ausgehen.

Man darf nicht zu viel von der Geschichte erzählen. Letztlich begleiten wir Izy bei ihrem Scheitern und bei der aufkeimenden Hoffnung, dass es mehr gibt als die Hölle der anderen, mehr als Ausbeutung – Zukunft und ein Zuhause, ein Ort mit Sinn und zum Wohlfühlen. Was man aber definitiv sagen kann: offenbar haben viele Rezensenten in der Eile oder im Flow den Epilog nicht gelesen. Denn hier wird aus einem guten Roman, ein sehr guter. Hier werden nicht die großen Fragen gestellt, hier wird nicht Identität gesucht, hier wird Identität verweigert, hier ist nicht das Individuum, das Unteilbare, das Einzelding, hier ist Izy Lewin, hier ist Kat Kaufmann, hier sind wir, die Leser.

Ich bin mir nicht sicher, ob Kat Kaufmann das alles bewusst ist, ob sie die Szenen alle absichtlich so geschrieben hat, denn zu einem großen Teil verwebt sie ihre eigenen Erfahrungen, ihre eigene Geschichte in Izys Erzählung. Und die gelebte wie geliebte und gehasste Oberflächlichkeit, ist auch Teil von Kaufmann. Die letztlich unbedeutenden, aber sich selbst so wichtig nehmenden Bohémiens, spiegeln sich in der Auszeichnung des aspekte-Preises wider: die großen Fragen unserer Zeit. Dabei handelt es sich tatsächlich lediglich um das selbstverliebte und ignorante Überbewerten des Eigenen. Und somit ist es dann doch auch wieder ein Abbild Berlins und der Literaturszene.

Ob Kat Kaufmanns Superposition tatsächlich besser ist als Mirna Funks Winternähe, das 2015 ebenfalls nominiert war zum besten Debüt, liegt wohl im Auge des Betrachters. Festzuhalten bleibt, dass es zwei großartige Romane sind, von zwei beeindruckenden Schriftstellerinnen. Und von beiden ist sicherlich noch einiges zu erwarten. Kat Kaufmanns neuer Roman erscheint in Kürze und vorbestellt ist er schon.

 

Kat Kaufmann
Superposition
Einband: Schutzumschlag
Seiten: 272
Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum: 15.08.2015
Preis: 20 €
ISBN: 978-3-455-40534-7