Klassiker:
Aldous Huxley
Preis:
gebraucht

Rezension von
Bewertung:
5

Auf einen Blick:

Dystopische Pflichtlektüre

Schöne neue Welt

Und wieder mal ein Werk der Kategorie: den Klassiker kennt doch jeder. Ja, nur hatte ich den Klassiker – wie so viele viele andere auch – noch nie gelesen. Ein kurzer Blick in Rezensionen bei Amazon hatte gezeigt, bloß nicht die Neuübersetzung kaufen. Also ab ins Antiquariat meines Vertrauens und eine alte revidierte Übersetzung von 1981 von Herbert E. Herlitschka gekauft. Nun gibt es hierbei offensichtlich zwei Lager. Wie so häufig. Irgendwie scheinen einige Menschen immer dazu zu tendieren, die Welt in Gut und Böse oder zumindest dichotom aufzuteilen. Am lautesten sind die Puritaner, die der alten Übersetzung vorwerfen, dem Original von Huxley Gewalt anzutun, in dem die Handlungsorte von England nach Deutschland verlegt und die Namen eingedeutscht wurden. Das kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, finde es aber ausgerechnet bei Schöne neue Welt absolut gelungen und unproblematisch – und zwar vollkommen unabhängig vom Zeitbezug.

Apropos Zeit. Da sind dann zahlreiche Kommentatoren der Meinung, die Sprache der ursprünglichen Übersetzungen sei veraltet und vollkommen unzeitgemäß. Ja vielleicht. Ich finde allerdings, dass das einen Großteil des Charmes ausmacht. Es ist eben eine Zukunftsbeschreibung, die 1932 erdacht wurde. Entsprechend ist eben auch die Sprache und auch das dazugehörige Gefühl beim Lesen. Nun kommt aber hinzu, dass diese alte Zukunftsvision gesellschaftlich gar nicht so alt ist. Und hier entsteht doch gerade erst das Spannungsverhältnis zwischen alter Sprache, alter Vision und gegenwärtiger Entwicklung und teils immer noch absolut aktueller Warnung vor der Zukunft.

Hinzu kommt, dass die Neuübersetzung, die Anpassung an eine moderne Sprache (aber warum?) wohl nicht besonders gelungen ist. Aus “Befruchtungsraum” wird “Fertilisationsstation”, aus „Brut- und Normdirektor“ wird „Direktor City-Brüter und Konditionierungscenter“, aus „entkorken“ wird „dekantieren“ und aus „Lebendgebären“ wird „vivipare Reproduktion“ – wirklich. Ich kann jedenfalls getrost auf diese fancy Sprache verzichten. Der Fischer Verlag schreibt: „Endlich erscheint die längst fällige Neuübersetzung von Uda Strätling. Das prophetische Buch, dessen Aktualität jeden Tag aufs Neue bewiesen wird, erhält eine sprachlich zeitgemäße Gestalt.“ Nun denn. Manchmal ist weniger mehr. Aber vielleicht bringt Fischer Klassik ja auch bald Goethe in einer hippen zeitgemäßen Sprache neu raus.

Unabhängig der unterschiedlichen Übersetzungen und damit sicher auch unterschiedlichen Vorlieben bleibt Schöne neue Welt ein absoluter Klassiker und ein Mustread. 632 nach Ford, der neuen Zeitrechnung der schönen neuen Welt, leben die Menschen in Frieden und Freiheit – oder zumindest das, was sie dafür halten. Die Gesellschaft ist in Kasten eingeteilt. Ein feingliedriges Gesellschaftssystem mit diffizil abgestuften Freiheiten, Rechten und Pflichten. Dabei reproduzieren sich die Kasten nicht durch Geburten – die sind prinzipiell abgeschafft, sondern durch künstliche Brut- und Normfabriken. Hier wird der Nachwuchs produziert: „In Ausnahmefällen können wir aus einem einzigen Ovar mehr als fünfzehntausend Dutzendlinge erzielen.“ Anschließend werden sie jahrelang auf ihre Neigungen und Abneigungen konditioniert. Jede Kaste soll mögen, was sie tun muss. Calvinismus, ick hör dir trappsen.

Neben dieser normierten Arbeitsethik, besteht das Leben aus Konsum, Promiskuität und wenn alles nicht hilft, dann gibt es Soma – eine Glücksdroge ohne Nebenwirkungen. Im Gegensatz zu George Orwells 1984 wird hier die Gesellschaft also nicht in die Totalüberwachung getrieben und unterdrückt, sondern durch Konditionierung und Normung in Form gebracht. Beides funktioniert mehrheitlich. Und da wo, die Ausnahmen die Regel verletzen, wird dann doch wieder sehr ähnlich gehandelt. Im Notfall wird der Delinquent eliminiert oder einfach aus der Gesellschaftsordnung entfernt. Bei 1984 sind es die Folterkammern, bei Schöne neue Welt sind es die „Inseln“, die nicht ungefähr an die Gefangeneninseln der Franzosen erinnern dürften, wie wir sie aus Papillon kennen. Entscheidend ist, dass das individuelle Leben weniger zählt, als das Kollektiv. Das Denken des Faschismus und Stalinismus. Und auch heute klingt in den Reden einiger Populisten der gesunde Volkskörper wieder an.

Schöne neue Welt ist eine bestechende Dystopie, die im Kern nichts an ihrer Aktualität verloren hat. Auch hier greift wieder der berühmte Ausspruch Theodor Wiesengrund Adornos: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ Oder wie es Aldous Huxley formuliert: „Und dabei hatte der’s doch nur gut gemeint. Aber gerade das machte die Sache in gewissem Sinn noch schlimmer. Die Wohlmeinenden benahmen sich genauso wie die Übelwollenden.“

 

Aldous Huxley
Schöne neue Welt
Originaltitel: Brave new World
Taschenbuch
256 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596200269
nur noch gebraucht erhältlich

Die neue Ausgabe (allerdings auch neu und wenig gelungen übersetzt) gibt es direkt bei Fischer oder ebenfalls bei Amazon.