cover hass ist keine meinung
Sachbuch:
Renate Künast
Preis:
14,99 €

Rezension von
Bewertung:
4

Auf einen Blick:

Aufklärung über die Wut- und Hassbürger der Neuen Rechten

Hass ist keine Meinung

Der zunehmende und grenzen- wie gewissenlose Hass in Deutschland zeigt sich besonders deutlich an einigen wenigen Feindbildern. Und vor allem der Feind in den eigenen Reihen, die vom „besorgten Bürger“ ausgemachten Volksfeinde und Volksverräter stehen dabei im Mittelpunkt. Ob Carolin Emcke, Claudia Roth, Anja Reschke, Anetta Kahane oder eben Renate Künast, sie alle sind zum Hassobjekt der Neuen wie Alten Rechten geworden. Es ist natürlich kein Zufall, dass es sich bei den meist gehassten Protagonistinnen eben um Frauen handelt. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten gehen gerne mit Frauenfeindlichkeit einher. Der kleinste gemeinsame Nenner der Hassbürger scheint die Abwertung von Frauen zu sein, es ist quasi der Volkssport der Neuen Rechten. Einzig Heiko Maas stößt auf ähnlich viel krankhafte Verachtung. Renate Künast wollte sich mit den Beleidigungen, Demütigungen und Drohungen nicht weiter abfinden. Gemeinsam mit der Spiegel Redakteurin Britta Stuff reiste Künast durch Deutschland und suchte die Menschen auf, die ihr Hassbotschaften geschrieben hatten. Daraus ist die Grundlage ihres Buches Hass ist keine Meinung. Was die Wut in unserem Land anrichtet. entstanden.

Hass ist ein Geschäft

Gleich beim ersten Besuch trifft Künast auf einen Bürger aus der Mitte. Warum er ihr denn Hassbotschaften schreiben würde? Da sei diese Wut. „Schon beim Lesen der BILD-Zeitung jeden Morgen rege er sich auf.“ Und sofort möchte man einhaken: Hass ist eben doch eine Meinung und sogar ein Geschäftsfeld. Ein offensichtlich sehr gut dotiertes. Es ist die Geschäftspraktik von Springer seit eh und je und mittlerweile gibt es reichlich Nachahmer. So hat sich zum Beispiel der Focus zu einer der größten Hetzseiten im Internet gemausert. Die FAZ bedient mit einigen Autoren die Hetze der besorgten Bürger und die unzähligen kleineren Angebote und Blogs braucht man da gar nicht mehr erwähnen. Hass ist ein Geschäftsmodell und unter dem Label Meinungs- und Pressefreiheit stärken sich die Feinde der offenen Gesellschaft gegenseitig den Rücken. Besonders erschreckend sind hier auch die Äußerungen deutscher Staatsanwaltschaften, die es zum Beispiel als Teil der Meinungsfreiheit betrachten, wenn man das Pack einfach abschießen will.

Die Besuche bei den Hassbürgern sind allerdings nur der Aufhänger, um sich mit grundlegenderen gegenwärtigen Problemen auseinanderzusetzen. Wie kommt es zu dem Hass? Hatespeech entsteht nicht im luftleeren Raum. Einerseits gibt es wie erwähnt zahlreiche Medien, die den Hass bedienen und entfachen helfen. Andere Phänomene sind Filterblasen und Echokammern. Fakenews sind ebenfalls in aller Munde. Es ist ein Potpourri von Lügen, Gerüchten, selbstreferentiellen Verweisen, Propaganda und rechter Ideologie, das die Grundlage für die Weltwahrnehmung der besorgten Bürger ist. Und das wichtigste Element ist die Mixtur zur Verschwörungstheorie. Die Flüchtlinge seien da, weil „irgendwer“ sie als Migrationswaffe benutzt, zur Umvolkung der Deutschen. Kein Unsinn, der nicht bereitwillig aufgegriffen wird, um den Hass weiter zu schüren.

Wider den Hass

Renate Künast gelingt es mit Hass ist keine Meinung eine allgemeine Einführung in die Phänomene von Hass und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit vorzulegen. Dabei stehen selbstverständlich die wichtigsten Ideologen hinter den besorgten Bürgern im Mittelpunkt. Der Rechtsextremismus ist und bleibt in Deutschland die unterschätzte Gefahr. Gerade jetzt, kurz vor den Bundestagswahlen ereifern sich rechte und liberale Parteien darin, den besorgten Bürgern zu gefallen. Und das macht nicht vor Regierungsmitgliedern halt, die das Spiel der AfD betreiben, während im Hintergrund bereits über mögliche Koalitionen verhandelt wird. Dabei bewegt sich Künast immer auf dem aktuellen Stand der Sozialwissenschaft in dem sie z.B. auf die Soziologen Wilhelm Heitmeyer und Zygmunt Bauman verweist.

„Die ‚Kultur‘, die die ‚Aktivisten‘ der Neuen Rechten bekämpfen, ist in Wahrheit nicht die der Grünen, die sie sich als Lieblingsfeind ausgesucht haben, sondern die der freiheitlichen Grundordnung. Es ist die politische Kultur des Liberalismus und der repräsentativen Demokratie mit einer funktionierenden Gewaltenteilung. Die Neue Rechte schürt Hass. Auf der Liste ihrer ‚Feinde‘ stehen ‚die Ausländer‘, ‚die Muslime‘, ‚die Juden‘, aber auch ‚die Presse‘, ‚die Politiker‘ und überhaupt ‚das Establishment‘, also eigentlich alle, die nicht ihre Werte und Ziele teilen. Der Hass, den sie schüren und der sich im Internet ergießt, ist jedoch keine Meinung, so wie Fake News keine Nachrichten sind.“

Man möchte lediglich ergänzen, dass diese Hetze nicht ein Unikum der Neuen Rechten ist. Teile der Linken stehen dem in Nichts nach. Lediglich die Objekte des Hasses differieren da in Teilen. Während man sich bei anderen sehr wohl einig ist, was nicht zuletzt Wählerbewegungen von der Linken zur AfD belegen.

Renate Künasts Hass ist keine Meinung ist eine hochaktuelle Zusammenschau, der Problematiken um die Neue Rechte, die besorgten Bürger und des Hasses, der einem Off- wie Online um die Ohren fliegt. Man muss den Hass erkennen und verstehen und anschließend bekämpfen. Künasts Buch leistet hierzu einen Beitrag.

Die Feinde der offenen Gesellschaft dürfen nie wieder die Oberhand gewinnen.

Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es direkt bei Heyne.

Renate Künast
Hass ist keine Meinung. Was die Wut in unserem Land anrichtet.
Paperback, Klappenbroschur
192 Seiten
Verlag: Heyne
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-453-20161-3

Erschienen: 28.08.2017