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Entlarvung

Pia Klemps „Lass uns mit den toten Tanzen“ ist ein ganz herausragender Roman und meine Empfehlung von September 2019 gilt auch weiterhin uneingeschränkt. Wie damals herrscht auch in Klemps neuem Roman weiterhin Krieg. Krieg im übertragenen Sinne. Es ist quasi ein Krieg eines Teils der Menschheit gegen das Leben selbst – zugegeben eines recht großen Teils der Menschheit. Ganz im Sinne von Erich Fromms „Haben oder Sein“ oder Arno Gruens „Der Wahnsinn der Normalität“ sind viele Menschen dermaßen entfremdet, dass sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, Lebewesen verkonsumieren, Tiere wie Menschen. Dabei ist das mit dem Bewusstsein so eine Sache. Prinzipiell wissen sie natürlich darum, oder könnten es zumindest wissen, aber die menschliche Psyche und der institutionalisierte Konsumismus bieten mit kognitiver Dissonanz und selbtswertdienlichen Verzerrungen eine einfach zu handhabende Realitätsverweigerung an. Nun sind wir allerdings alle Teil dieser medial vermittelten, stets propagierten und unausweichlichen Rosamunde-Pilcher-Realität, bei der der Strom aus der Steckdose kommt, das Fleisch von glücklichen Tieren nach ihrem altersbedingten Ableben freiwillig gespendet wird oder Sklaverei und Armut vom Alle glückselig machenden Kapitalismus beseitigt wurden. Nur was passiert, wenn man aus dieser Traumwelt herausgerissen wird? Rubi, Klemps neues Alter Ego, muss diese Erfahrung machen. Und es gibt nur zwei Optionen: Scheitern oder Revolution. Es ist Zeit für eine Entlarvung.

Entlarvung 2.0

Rubi ist ein ganz normaler junger Mensch, der in eben dieser kapitalistischen Bubble vor sich hin lebt und dabei lediglich die typische Leere spürt, für die es ja aber genügend kaufbaren Füllstoff gibt. Durch eine zufällige Verzahnung von Geschehnissen wird Rubi jedoch aus ihrer gewohnten Welt herausgerissen und sieht sich kurze Zeit später als Umweltaktivistin aka Ökoterroristin wieder – je nach Perspektive. Und alle diese Perspektiven werden auch durchgespielt. Das ist einerseits die Stärke des Romans als auch des linken Sujets, aber Klemp neigt andererseits doch arg zu holzschnittartiger Simplifizierung.

Es ist also immer noch Krieg. „Sie reiste durch die Lande, angetrieben vom Tatendrang, Reisefieber und dem Wunsch, die Kämpfe zu verbinden.“ Nun hat Krieg die blöde Eigenschaft alles in Freund und Feind einzuteilen, es ist ein Schwarz-Weiß-Schema, das keine Nuancierungen zulässt. Der Tag hat Struktur, wenn man weiß, wer der Feind ist (frei nach Volker Pispers).

„Sie schwang sich auf den Sattel und das Licht ihrer Fahrradlampe hatte nichts zur Welt beizutragen, außer die Posse zaghaft auszuleuchten.“

Dabei zeigt schon der Titel, dass Klemp wieder und dieses Mal offensiver mit der Sprache spielen will. Entlarvung ist natürlich doppeldeutig. Man kann den Kapitalismus als totalitäres, ausbeuterisches, hedonistisches und selbstzerstörerisches Wirtschaftssystem entlarven – so man dies denn noch nicht erkannt hat. Und eine Larve ist eine Zwischenform in der Entwicklung vom Ei zum Erwachsenenstadium. Man könnte bei Entlarvung also von Erwachsenwerden sprechen. Das ist allerdings auch recht dicht dran am „erwachen“ oder „aufwachen“, was auch durchaus ein Problem des Romans ist. Denn von „Deutschland erwache“ über „Aufwachen“- und Erleuchtungs-Fantasien von (Ver)Querdenkern ist diese Analogie schon reichlich miss- und verbraucht. Nun kann man sich aber auch nicht alle Begriffe wegnehmen lassen. Ein Vabanquespiel mit dem Begriff bleibt es dennoch.

Holpriger Stil

Aber auch ansonsten durchzieht den Roman ein sehr eigenwilliger Sprachstil, wohlwollend aufgenommen eine sehr schöpferische Art der Sprachgestaltung. Weniger wohlwollend könnte man auch von Sprach(zer)störung, exzessiver Nutzung eines Synonymwörterbuches oder gar idiosynkratischer Sprache sprechen. Da wird onduliert, eruiert oder vomiert. Prinzipiell kann man das natürlich machen. Man kann Lesegewohnheiten aufbrechen, den Flow stören – quasi Sand im Getriebe des alltäglichen Lesens sein. Da stellt sich dann aber auch schnell die Frage nach der Zielgruppe des Romans. Wirkt der Roman einerseits wie ein modernes linkes Märchen, das durchaus für Jugendliche geschrieben sein könnte, richtet sich die Sprache eher an ältere Leser*innen. Und in Gänze ist es ein Roman zur Selbstvergewisserung. Die Zielgruppe findet sich also in den Figuren wieder. Teilweise ist es ein in Romanform gebrachter Diskurs innerhalb linker Strukturen. Was darf man, wie weit kann man gehen? Auch die omnipräsente Gewaltdebatte innerhalb der Linken findet sich wieder. Für andere Leser*innen, also jenseits einer irgendwie gearteten linken Szene, ist der Roman schlichtweg ungeeignet. Ganz anders als Klemps „Lass uns mit den Toten tanzen“.

Ich kämpfe, also bin ich

Leider ist diese Selbstvergewisserung, doch irgendwie das Richtige zu tun, zwar mehr als verständlich und viele linke Diskussionen oder auch Feiern sind kaum etwas anderes als eine Gruppentherapie, hier aber viel zu aufdringlich. Die Stimmung des Romans ist Teils überheblich und selbstwerterhöhend indem andere erniedrigt werden. In anderen Zusammenhängen würde man das klassistisch nennen. Auch vor Bodyshaming wird kein Halt gemacht. Nun kann man das so interpretieren, dass auch die Linke nicht vor Diskriminierungen gefeit ist, aber es fehlt gleichzeitig an einer Einordnung des allwissenden Erzählers. Immerhin handelt es sich dabei um eine der Identifikationsfiguren des Romans. Und so bleibt die subtile Message, dass man eben doch besser ist als andere, auch wenn man das Ganze mit einem Augenzwinkern und Lächeln verpackt.

Im Prinzip fordert der Roman, wie so viele linke Diskussionen und Ideologien, unausgesprochen den Übermenschen. Jede*r soll kämpfen, jede*r soll das eigene Anliegen, als das Wichtigste erkennen, jede*r soll auf seine Triebe weitestgehend verzichten, jede*r soll sich in den Dienst zum Wohle Aller stellen. Dass das aber letztlich nur die eigene Kompensationsstrategie vor der Verzweiflung an der Realität ist, wird kaum reflektiert. Und dass es nur eine von vielen Strategien ist, erst recht nicht.

Das Scheitern an der Realität, das Verzweifeln am Kapitalismus hat viele Gesichter. Es kann sich in jeglichem Suchtverhalten Ausdruck verleihen, sowie im adrenalinschwangeren Sensation-Seeking, dass sich als Direkte Aktion tarnt genauso wie im Konsumismus, in Religion oder Binge-Watching irgendwelcher sinnbefreiter Serien. Das selbstwerterhöhende Abwerten von Menschen, die ja nur noch nicht erkannt haben, dass die eigene Strategie die beste aller Möglichen ist, ist da wenig überzeugend. Und schon ist man ganz dicht dran an einer Diskussion über Werterelativismus. Ein Teufelskreis.

Und doch lesenswert

Natürlich ist das Alles Kritik auf recht hohem Niveau. Klemp weiß durchaus Unterhaltung, Kurzweil aber auch den nötigen Holzhammer für das Gewissen zu verbinden. Viele Sätze sind wunderschön zu lesen oder hauen einem die eigenen Fehler nur so um die Ohren. Die Geschichte in Gänze ist geradezu großartig – nur so ergibt der Plot Sinn. Und wir alle brauchen auch Bestätigung, wollen uns der eigenen Misanthropie versichern und gleichzeitig das Fünkchen Hoffnung sehen, dass das nicht alles umsonst ist, was man hier auf Erden so macht.

„Rubis Konzentration schlüpfte durch ihren geistigen Gartenzaun und ward nicht mehr gesehen.“

Die Figuren sind dabei aber zu überzeichnet, literarisch verdichtet und stereotyp – das unterscheidet sich dann leider recht wenig von der Art der Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber irgendwelchen vermeintlichen Außenseiter*innen. Man misst eine Gruppe immer an den, in den eigenen Augen, schlimmsten Verfehlungen und reduziert Individuen darauf, teil dieser Gruppe zu sein. Ein wenig ist es mit dem Roman wie mit einem Satz innerhalb desselben: „Sie trat nach einem Stein, den sie ungeschickt verfehlte.“ Alles in Allem ist es ein gut gemeinter Roman, der selbsttherapeutische und selbstversichernde Aspekte enthält. So richtig überzeugen, kann er mich aber nicht. Und im Vergleich zu „Lass uns mit den Toten tanzen“, fällt er doch deutlich ab.

Andererseits: es ist nie zu spät, die Welt zu retten. Und jeder Versuch, jeder Beitrag ist es wert.

Und die Buchausgabe des wunderbaren Ventil Verlags ist im Übrigen äußerst bibliophil, sowohl haptisch als auch visuell (tolles Titelbild). Hier werden Bücher mit Liebe herausgegeben.

Mehr Informationen zu “Entlarvung” inklusive Leseprobe gibt es direkt beim Ventil Verlag.

 

Entlarvung Book Cover Entlarvung
Pia Klemp
Ventil Verlag
29.3.2021
Hardcover
224
https://www.ventil-verlag.de/titel/1878/entlarvung
20,00 €
978-3-95575-142-5

Szenetypischer Roman zur Selbstvergewisserung. Viel Licht aber auch viel Schatten.