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Das Register

Aufgepasst! Liebe Verlagsmitarbeiter*innen jetzt könnt ihr einen Rohdiamanten entdecken. Wer schnell ist, wird sich hier einen potenziellen Topseller sichern können. Und liebe Science Fiction Fans merkt euch den Namen und vor allem natürlich: Lest das Buch! Marcel Mellors Debüt „Das Register“ ist ein dystopischer SciFi Thriller, der so ziemlich alles richtig macht. Und das bei einem Thema, das ich ansonsten weiträumig meide. Thriller ist eines jener Genre (ähnlich wie Krimi), das so viele Möglichkeiten bietet und so unendlich ausgelutscht ist, weil keinem mehr was einfallen will und alle einfach nur voneinander abschreiben und Ideen bis zum Umfallen recyceln. Generische Geschichten, die der vermeintlichen Masse gefallen, um möglichst noch den letzten Cent aus einer mäßigen Erzählung rauszuquetschen, ist state of the art. Und dann ist das Thema des Romans auch noch Zeitreisen. Nirgends werden mehr Logikfehler begangen als bei Zeitreisen. Auch wenn in der Serie Big Bang Theory das Zeitparadoxon vom Problem zur Lösung (v)erklärt wurde, bleiben für Freunde der Logik die klassischen Konsistenzprobleme bestehen.

Dass ein Zeitreise-Thriller dennoch funktionieren kann, zeigt der bis dato unbekannte Autor Marcel Mellor mit seinem Debüt, an dem er fünf Jahre gearbeitet hat. Eine komplexe Geschichte um Nachrichten, die man durch die Zeit schicken kann. Das ist vom Grundgedanken schon weitaus interessanter, als die hundertste Teleportation von Menschen oder Robotern durch Zeit und Raum (Gruß geht an dieser Stelle natürlich raus an Skynet).

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Komplex ist vor allem das Grundgerüst. Mellor entwirft eine eigene Parallelwelt. Alles ist zwar irgendwie so, wie wir es kennen, aber eben auch anders, denn die Möglichkeit sich selbst eine Nachricht in die Vergangenheit zu schicken, verändert natürlich vieles. Die Auswirkungen und Möglichkeiten zu durchdenken ohne den klassischen Logikfehlern zu erliegen, meistert Mellor grandios. Während ich mich bei manch anderem Genrevertreter alle paar Seiten über unsinnige Logikbrüche, konstruierte Handlungsstränge, alberne Pseudospannung und unerträgliche Dialoge aufrege, habe ich Das Register kaum aus der Hand legen können und musste mich nicht ein einziges Mal ärgern. Und das haben in den letzten Jahren nur ganz wenige Thrillerautoren geschafft.

Die beste aller Welten

Was wäre, wenn du dir selbst eine Nachricht aus der Zukunft schicken könntest? Welche Fehlentscheidung würdest du verhindern wollen? Welche Chance würdest du nutzen wollen? Und würdest du überhaupt etwas ändern wollen, denn schließlich würde das natürlich deine Biografie ändern. Und wüsstest du später überhaupt, was du da eigentlich verändert hast? Die Manipulation in der Geschichte einer Person bewirkt zudem zwangsläufig auch Veränderungen bei anderen Personen. Das wäre nicht nur ein Schmetterlingseffekt, das wäre ein Schmetterlingsorkan. Und um nicht im Chaos zu versinken, bedarf es einer, nennen wir es einfachheitshalber, Datenbank – ein Register, das die unterschiedlichen Geschehnisse speichert.

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Die Erfindung dieses Registers hat darüber hinaus eine Welt ermöglicht in der alles Unrecht sofort rückgängig gemacht werden kann und auch gemacht wird. Keine Morde mehr, keine Straftaten, quasi keine Unfälle mehr, keine unnötigen Tode. Fehlentwicklungen können frühzeitig korrigiert werden. Und jeder Bürger darf sich selbst streng limitiert Nachrichten an sein vergangenes Ich senden, um seine eigene Zukunft zu verbessern bzw. Fehler zu vermeiden. Solch eine Welt schafft viele Gewinner und wenige Verlierer. Oder um es mit Spock zu sagen: „Das Wohl von Vielen, es wiegt schwerer als das Wohl von Wenigen oder eines Einzelnen.“ Die Auswirkungen solcher Möglichkeiten sind ein Gedankenleviathan. Was da alles dran hängt, will erst einmal bedacht sein. Was eröffnen sich da für Möglichkeiten und was für Gefahren? Kein Wunder, dass Mellor fünf Jahre in Das Register investiert hat.

Während manche Menschen mit dem System hadern, ist David Menoah, Mellors Protagonist, überzeugter Anhänger des Registers. Doch während er zielstrebig seine privaten Absichten und seine Karrierepläne verfolgt, gerät er aus Versehen in eine Szenerie, die es so eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Das Register hätte längst korrigierend eingreifen müssen. Ist das Register etwa fehleranfällig oder gar missbrauchbar? Die Leser*innen bleiben genauso im Unklaren wie Menoah selbst. Nur eines ist unmissverständlich: Niemand darf erfahren, dass das Register nicht perfekt funktioniert. Und plötzlich wird Menoah genretypisch von unzähligen Jägern verfolgt, ohne zu wissen was eigentlich wirklich los ist und wer ihn alles aufhalten will.

Untypischer typischer Thriller

Man kann das Genre natürlich nicht neu erfinden und auch Mellor bedient sich der klassischen Versatzstücke und immer mal wieder auch generischen Abschnitten. Aber das machen auch die ganz großen SciFi Autoren. Man kann das Rad schließlich nicht neu erfinden. Vielmehr kommt es darauf an, immer wieder mit der lange eingeübten Erwartungshaltung der Leser*innen zu brechen. Ambivalente Situationen und Charaktere zu schaffen. Und allem voran nicht in den James Bond Kitsch 1)Wobei ich großer Fan der alten Filme bin, aber erstens ist das Nostalgie und zweitens sind die nun wahrlich nicht unproblematisch. abzurutschen. Der geneigte SciFi Geek wird aber sicherlich, zum Beispiel in der Hackergruppe, Ähnlichkeiten zu Paradigmen des Genres wiedererkennen.

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Mellor überstürzt nichts und lässt sich Zeit bei der Entfaltung der Wirkung seiner Geschichte. Und das bei dem trotzdem hohen Tempo, welches seine Protagonisten an den Tag legen. Es ist eine gelungene Balance zwischen Action, Hintergrundgeschichte und Charaktervorstellungen und -entwicklungen. Lediglich das World Building dieser äußerst spannenden Welt hätte mehr Raum einnehmen können. Dass Mellor schreiben und plotten kann, steht völlig außer Frage. Der Schreibstil ist äußerst flüssig und man kann nur im schärfsten Fokus das Debüt erkennen. Vor allem zu Beginn ist nicht jedes Sprachbild sonderlich gelungen. Die Spannung ist herausragend und kann sich mit den bekanntesten Autoren des Genres messen. Dazu kommt, dass ich über das Gelesene noch weiter nachdenken musste. Ich habe die Logiklücken gesucht – und nicht gefunden. Ich habe Inkonsistenzen finden wollen – und vielleicht auch gefunden. Aber eines steht fest: Mellor hat als Autor vieles richtig gemacht. Er hat seine Geschichte seziert, hat in Vergangenheit und Zukunft gedacht, hat Nebenstränge weitergesponnen, er hat Details beachtet ohne das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren.

Und am Ende der mehr als 600 Seiten hat Mellor etwas geschafft, was ich nur ganz selten bei Romanen verspüre, nämlich den Wunsch es möge weitergehen. Der Trick ist es parasoziale Beziehungen zu den Protagonisten entstehen zu lassen, Identifikationspotenziale anzubieten. Und das scheint, zumindest bei mir, gelungen zu sein.

Erwähnenswert ist noch, dass Mellor sich große Mühe gegeben hat, seine Welt aufzubauen und zu vermarkten. So gibt es für die interessierten Leser*innen Bonusmaterial und Ausblicke in Mellors weitere Projekte. Und für die besonderen Nerds sei darauf hingewiesen: der Im Roman erwähnte Link funktioniert tatsächlich.

 

Mehr Informationen gibt es direkt beim Autor.

 

Das Register Book Cover Das Register
Marcel Mellor
Science Fiction
2020
e-book | Taschenbuch in Vorbereitung
637
https://www.register-das-buch.de
4,99 €

Überragendes Debüt und äußerst spannender dystopischer Thriller

Nachweise   [ + ]

1. Wobei ich großer Fan der alten Filme bin, aber erstens ist das Nostalgie und zweitens sind die nun wahrlich nicht unproblematisch.