Cover Irenas Liste
Sachbuch:
Tilar J. Mazzeo
Preis:
21,99 €

Rezension von
Bewertung:
5

Auf einen Blick:

Eine furchtlose Frau, in furchtbaren Zeiten: unbedingt empfehlenswert!

Irenas Liste oder Das Geheimnis des Apfelbaums

Am ersten September 1939 beginnt für die Bevölkerung Polens das Grauen des Zweiten Weltkriegs und die Terrorherrschaft der deutschen Nationalsozialisten. Die selbsternannten Herrenmenschen errichten ein Regime des Hasses, der Zerstörung und des massenhaften Mordes. Bis Kriegsende werden drei Millionen polnische Juden ermordet werden, fast 90 Prozent der ursprünglichen jüdischen Bevölkerung Polens. Insgesamt werden etwa 5.675.000 polnische Zivilisten getötet. Unter den 6 Millionen im Holocaust ermordeten Juden sind 1,5 Millionen Kinder. Irenas Liste ist die Geschichte der Rettung von 2500 Kindern aus dem Warschauer Ghetto. Eine schier unvorstellbare Geschichte von Mut, Verrat, Verzweiflung, Liebe, Hass und den brutalsten Auswüchsen des faschistischen Massenmords.

„Über diese Jahre rede ich nicht gerne mit jemandem, der sie nicht erlebt hat, denn wer nicht dort war, kann nicht verstehen, warum Menschen bestimmte Entscheidungen trafen und welchen Preis sie dafür zahlten,“ wird Irena Sendler später erzählen. 1)Nicht extra gekennzeichnete Zitate entstammen dem vorgestellten Buch.

1940 errichten die Nazis in Warschau einen abgeriegelten Bezirk für polnische und deutsche Juden: das Warschauer Ghetto. Eine drei Meter hohe Mauer mit Stacheldraht soll verhindern, dass die Juden in die „arischen“ Stadtteile gelangen können. Die SS bewacht die 22 Durchgänge. Das Ghetto dient vor allem als Durchgangslager auf dessen „Umschlagplatz“ die Juden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert werden. Die Versorgung des völlig überfüllten Ghettos ist dermaßen schlecht, dass bereits nach kurzer Zeit Hungersnot und Seuchen grassieren.

„Die Straßen sind so übervölkert, daß man nur schwer vorwärts gelangt. Alle sind zerlumpt, in Fetzen. Oft besitzt man nicht mal mehr ein Hemd. Überall ist Lärm und Geschrei. Dünne, jämmerliche Kinderstimmen übertönen den Krach. […] Auf den Bürgersteigen stapeln Kot und Abfälle sich zu Haufen und Hügeln. […] Ich sehe ungeheuer viele Männer und Frauen, die vom Ordnungsdienst gejagt werden. Alte, Krüppel und Gebrechliche werden an Ort und Stelle selbst liquidiert. […] Oft liegt etwas mit Zeitungen Zugedecktes auf dem Bürgersteig. Schrecklich ausgezehrte Gliedmaßen oder krankhaft angeschwollene Beine schauen meistens darunter hervor. Es sind die Kadaver der an Flecktyphus Verstorbenen, die von den Mitbewohnern einfach hinausgetragen werden, um die Bestattungskosten zu sparen.“Ludwik Hirszfeld 2)zitiert nach: Gerhard Schoenberner. Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933–1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1991, S. 77 und 78

Die Schwächsten unter den Schwachen sind die Kinder, die Kriegs- und Terrorwaisen.

„Ludwig Fischer, der deutsche Gouverneur von Warschau, prahlte damit, das Aushungern sei die offizielle Strategie: ‚Die Juden werden vor Hunger und Elend krepieren. Dann bleibt vom ganzen Judenproblem nur noch der Friedhof übrig.‘“

Und während die Deutschen einen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschlichkeit und gegen die Menschheit führen, verschwören sich einige Polen gegen die deutschen Faschisten und versuchen den Juden im Warschauer Ghetto zu helfen, allen voran den Kindern und hier insbesondere den Waisen.

Attribution: Bundesarchiv, Bild 101I-134-0793-22 / Knobloch, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Irena Sendler ist Anfang 30 und arbeitet als Sozialarbeiterin als die Naziherrschaft beginnt. Von Anfang an nutzt sie ihre Position, um jüdischen Familien zu helfen. „Das System basierte einzig und allein auf manipulierten Akten und entsprechend angeforderten Geldern, die dann verstohlen in Irenas Suppenküchen an die Leute verteilt wurden.“ Nach der Errichtung des Warschauer Ghettos besorgt sie sich als Seuchenschutzbeauftragte der Sanitätskolonne einen Ausweis, der es ihr erlaubt die Sperren zum Ghetto zu durchqueren. Das Elend, das sie dort erlebt, verändert alles. Es reicht nicht mehr Gelder vom Sozialamt umzuleiten. Hier muss dringend geholfen werden. Zumal die ersten Gerüchte kursieren, die von der systematischen Ermordung von Juden handeln.

Kinderdeportationen in das Vernichtungslager Treblinka.

Dr. Janusz Korczak war eine Koryphäe der Sozialarbeit und Kinderpädagogik und leitete im Warschauer Ghetto ein Waisenhaus. Als die Kinder des Waisenhauses deportiert werden sollten, wandten sie sich „Hilfe suchend Dr. Korczak zu.“ Dann geleitete er „die Kinder ruhig in den Waggon. Der Arzt stieg als Letzter ein, auf jeden Arm ein erschöpftes Fünfjähriges.“ Ein Zeuge sagt später aus: „Sie stiegen nicht einfach nur in den Waggon ein – es war ein organisierter, stiller Protest gegen die Barbarei.“ Als er dann sah, „wie die Kinder stumm in die fensterlosen Güterwaggons kletterten, deren Boden mit dem gleichen ungelöschten Kalk bedeckt war, der sie nach ihrem Tod bedecken würde – als er sah, wie die Türen hinter den kleinen Kinderkörpern zugedrückt und mit Draht fest verschlossen wurden,“ brach er „hilflos auf dem Gleis zusammen“.

Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei und damit verantwortlich für SS, Gestapo und SD, begründete vor Wehrmachtsgenerälen mit erbarmungs- und gewissenloser Offenheit, warum auch die Kinder ermordet werden mussten:

“Die Kinder werden eines Tages groß werden. Dass dann dieser jüdische Hass heute kleiner, später groß gewordener Rächer sich an unseren Kindern und Enkeln vergreift, das können wir nicht verantworten. Deswegen haben wir eine klare Lösung vorgezogen, so schwer wie sie war.“Quelle

Irena Sendler und einige ihrer Kolleginnen beginnen daraufhin jüdische Kinder, meist Waisen aus dem Ghetto auf die „arische Seite“ zu schmuggeln. Dort werden sie mit neuen Identitäten, gefälschten Pässen und Geburtsurkunden, ausgestattet und in Waisenhäusern, Klöstern oder bei Pflegefamilien untergebracht. Babys werden betäubt und zum Beispiel in Werkzeugkisten herausgeschmuggelt. Größere Kinder werden in Säcke gesteckt und als „Kartoffelsäcke“ an den Wachen vorbeigeschleust. Andere Kinder klettern über die Mauer oder nutzen die Kanalisation zur Flucht.

Einige hundert Kinder können auf diese Weise gerettet werden. Doch ab Herbst 1942 weiten die Deutschen die Kontrollen aus. Um dennoch mit ihrer Arbeit weiter zu machen, schließt sich Sendler der Untergrundorganisation Żegota an. Mit der Hilfe dieser Widerstandsgruppe können weitere hunderte Kinder dem Tod im Getto entkommen. Doch ist es nur eine Frage der Zeit bis die Gestapo unter Mithilfe von Kollaborateuren den Helfern auf die Spur kommt. Und so wird Irena Sendler am 20. Oktober 1943 von der Gestapo verhaftet. Sie wird gefoltert, brutal mit Knüppeln und Eisenstangen geschlagen bis ihr die Knochen brechen. Und dennoch verrät sie weder die Fluchtorte der Kinder noch ihre Mitverschwörer. Alles scheint aus zu sein, als sie zum Tode verurteilt zu ihrer Erschießung gebracht wird.

Tilar J. Mazzeo würdigt Irena Sendler und zahlreiche weitere Untergrundaktivisten und Widerstandskämpfer in dieser unbedingt lesenswerten Hommage. Die Geschichte der „weiblichen Schindler“ war lange, zumal im Westen, in Vergessenheit geraten. 2006 wurde erstmals ein Werk ins Deutsche übersetzt, dass sich Irena Sendler widmete.  Anna Mieszkowska: Die Mutter der Holocaust-Kinder. Irena Sendler und die geretteten Kinder aus dem Warschauer Ghetto. Deutsche Verlags-Anstalt. Das Buch ist allerdings nur noch gebraucht und zu Fantasiepreisen erhältlich. Insofern kommt Mazzeos Buch gerade richtig. Irena Sendler und ihre Gefährtinnen dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Sie machen Mut, selbst in Zeiten des menschenverachtenden Totalitarismus sind gute Menschen in der Lage, die Welt ein wenig besser zu machen. Für 2500 Kinder hieß das im nationalsozialistisch beherrschten Gebiet nicht weniger, als zu Überleben.

Das großartige Buch wird lediglich durch einige wenige geschichtliche Ungenauigkeiten getrübt. So schreibt Mazzeo, dass der Holocaust bereits am 21. September 1939 begonnen hatte. Sie nimmt dabei Bezug auf eine Aussage Reinhard Heydrichs, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, der in einer Anweisung vom „Endziel“ gesprochen hatte. Dass damit bereits die Vernichtung des „Weltjudentums“ gemeint sein könnte, gilt als sehr umstritten. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass mit Endziel, die Ghettoisierung der Juden zur Massendeportation gemeint ist. Die „Endlösung der Judenfrage“ im Sinne des uns heute bekannten Holocausts wurde erst auf der Wannseekonferenz beschlossen. Zwar gab es auch vorher schon reichlich Judenhass und mörderischen Antisemitismus z.B. in Form von Massenerschießungen, aber noch nicht in der Form des industriellen Massenmordes, der den Holocaust als eliminatorische Singularität kennzeichnet.

Später wird der Widerstandskämpfer und Agent Jan Karski eingeführt, da er kurz Kontakt mit Irena Sendler hatte. Mazzeo nennt ihn auch unter seinem Decknamen „Witold“. Karski war allerdings nicht Witold. Der Agent und Widerstandskämpfer mit dem Decknamen Witold war Witold Pilecki. Sicherlich keine bedeutende Ungenauigkeit, zumal hier die Geschichte von Sendler und den Netzwerken der Heimatarmee im Vordergrund stehen. Dennoch hätten kleinere Recherchen diese Unstimmigkeiten verhindern helfen.

Mazzeo endet mit Mahatma Ghandi. Und zwar dermaßen treffend und wohltuend, dass ich es hier wiederholen möchte: „Ein kleiner Körper mit entschlossenem Geist, der von einem unauslöschlichen Glauben an seine Aufgabe angetrieben wird, kann den Lauf der Geschichte verändern.“

Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es direkt bei Heyne.

Tilar J. Mazzeo
Irenas Liste oder Das Geheimnis des Apfelbaums
Die außergewöhnliche Geschichte der Frau, die 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettet
Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schmalen
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
432 Seiten, 16 S. Bildteil
Verlag: Heyne
Preis: 21,99 €
ISBN: 978-3-453-20082-1
Erschienen: 20.03.2017

 

Nachweise   [ + ]

1. Nicht extra gekennzeichnete Zitate entstammen dem vorgestellten Buch.
2. zitiert nach: Gerhard Schoenberner. Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933–1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1991, S. 77 und 78