cover töne rot
Sachbuch:
Sanny Regen
Preis:
11,90 €

Rezension von:
Bewertung:
5
6. Mai 2017
Letzte Änderung:18. November 2017

Die erschütternde Geschichte von Psychoterror und Missbrauch!

Diverse Töne Rot;

Diverse Töne Rot; von Sanny Regen ist eine autobiografische Zusammenstellung einer unter dem Borderline Syndrom leidenden jungen Frau. Dabei steht das Pseudonym der Autorin vermutlich für die Bipolarität des eigenen Empfindens: Sonnig – Regen. Gut und Böse. Euphorisch und Depressiv. Der Titel Diverse Töne Rot; spielt dabei auf die Farbverläufe von Blut an. Für psychisch Vorbelastete sei sowohl bei der Rezension, aber vor allem bei der Lektüre des Buches eine Triggerwarnung angemerkt!

Sanny Regen sammelt Diagnosen. Die Borderline Persönlichkeitsstörung oder wie sie eigentlich heißt, die emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs, tritt häufig mit zahlreichen Komorbiditäten auf. Bei Regen sind es Bulimia Nervosa, bipolare Störung und posttraumatische Belastungsstörung. Die emotional instabile Störung drückt sich vor allem in mangelnder Impulskontrolle und situations- bzw. realitätsinadäquaten Reaktionen aus. Die Betroffenen „rasten schnell aus“, werden plötzlich und ohne (von außen) erkennbaren Grund wütend, gewalttätig oder auch im Gegensatz dazu euphorisch, grenzverletzend. Sie haben einen Hang zur Paranoia, was man nicht mit „Verfolgungswahn“ missverstehen darf. Paranoia meint im ursprünglichen Sinne, dass Geschehnisse unabhängig von einem selbst, dennoch auf sich selbst bezogen werden. Wenn andere Lachen, hat man das Gefühl sie lachen über einen selbst. Wenn jemand komisch guckt, liegt das bestimmt daran, dass er einem selbst böses will.

Damit nicht genug, leiden zahlreiche Borderliner unter dissoziativen Störungen und Flashbacks. Auch sind selbstverletzendes und suizidales Verhalten häufig vorkommend. Da Borderliner unter ihrem Empfinden und Verhalten stark leiden, entwickeln sie häufig Depressionen. Und als würde das alles noch nicht reichen, um die Psyche eines Menschen zu malträtieren, entwickeln viele Borderliner Psychosen, die sich von denen der Schizophrenie kaum unterscheiden.

Wie man wird, was man ist

Sanny Regen hat ihr Buch in zwei parallel verlaufende Erzählstränge eingeteilt. Auf der einen Ebene wird die Gegenwart beschrieben. Eine Gegenwart, in der der tägliche Kampf mit und gegen sich selbst das prägende Thema ist. Therapien, Medikamente, Wut, Verzweiflung, Hoffnung, Alltag. Hier ist die Persönlichkeitsstörung voll entwickelt. Nach einem schweren Verkehrsunfall bricht sich die Borderlinestörung Bahn. Die Bettlägerigkeit führt zu Depressionen, die lange Zeit des Nichtstuns lässt die Gedanken kreisen und vermutlich löst der Schock des Unfalls die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend wieder aus. Dies ist auch der zweite Erzählstrang. Wie wurde Sanny, wie sie ist. Es ist die zermürbende, erschreckende, den Leser verzweifelnde, teils unfassbare Geschichte des Psychoterrors. Der offensichtlich sado-masochistische Vater (im analytischen Sinne, nicht im Sinne der sexuellen Konnotation des allgemeinen Sprachgebrauchs), scheint den Studien von Erich Fromm entsprungen bzw. erinnert er an Beispiele aus Arno Gruens „Der Wahnsinn der Normailität“.

Der Vater terrorisiert die gesamte Familie, aber Sanny hat er sich als Objekt der (auch sexuellen) Begierde auserwählt. Sanny soll, ganz dem militaristisch-sadistischen Charakter des Vaters entsprechend, zu einer Auserwählten, einer Besonderen, ihm (weitestgehend) Ebenbürtigen erzogen werden. Sie soll andere Menschen als weniger Wert erleben, sie soll keine körperlichen Schmerzen empfinden und auch das Mitgefühl muss ausgemerzt werden, weshalb auch schon mal mit der Armbrust auf den Bruder geschossen wird. Es wird geprügelt, gedemütigt, entwürdigt, entfremdet, terrorisiert und missbraucht.

Die Episoden werden von Regen teils explizit beschrieben. Und das ist auch ein Aspekt, der mich an manchen Rezensionen verzweifeln lässt. Da wird betont, wie spannend das Buch geschrieben ist, es lese sich wie ein Roman, prickelnd und aufregend. Mir scheinen solche Rezensionen eher das Problem aufzuzeigen, denn zu rezensieren. Hier wird die brutale Lebensgeschichte, die Persönlichkeitsstörung zur Unterhaltung degradiert. Das Mitgefühl, dass Regen gegenüber nicht aufgebracht wurde und Teil des gesellschaftlichen Problems ist, setzt sich fort in den Bewertungen. Hier wird nicht das individuelle Schicksal erkannt, sondern die Lebensgeschichte verbleibt auf dem Niveau einer „Geschichte“. Das „morbide“ Interesse an Krimi und Thriller wird auf eine Autobiografie übertragen.

Opfer und Täter

„Ich war gemein, ich habe Menschen gequält, geschlagen, manipuliert, bedroht und verletzt. Könnte ich mich von alledem heute distanzieren, würde es mir besser gehen. Tatsächlich jedoch gibt es diesen Teil in mir, diesen teil, den mein Vater in mir eingepflanzt hat. Diesen Teil, den ich nicht kontrollieren kann. Und so kann ich mittags etwas Gutes tun und wenig später schon phantasieren, wie ich jemandem Schmerzen bereite. Ich habe gelernt, diesen Teil in mir nur bis zu einer bestimmten Grenze zuzulassen. Gedankenspiele dürfen sein, Handlungen sind dagegen nicht erlaubt. Aus mir wurde ein Mensch, der sowohl Helfer in Kriegs- und Krisengebieten wie auch als psychopathischer Killer seine Erfüllung finden könnte.“

Es fällt leicht Sanny Regen zu verurteilen. Sie hat Menschen weh getan und stellt es sich auch heute noch vor. Sie stellt sich vor, wie sie einem Menschen, ein Messer in den Hals rammt oder wie sie jemanden vor ein Auto schubst oder gar an ein Auto bindet und hinterherschleift. Es ist einfach sie als gestört, als Psycho abzustempeln und somit auch die komplizierte Realität abzuwehren. Mit einem Psycho muss man sich nicht auseinandersetzen. Die sind halt irre. Aber die Wirklichkeit ist komplexer.

„Ich bin mir selbst mein größter Feind. Ich hasse mich, und auch wenn sich jemand selbst als fett und unattraktiv empfindet, schreibe ich hier von einem anderen Hass. Ich habe einen Hass auf mich, einen Hass auf mich als schlechten Menschen. Häufig suche ich nach dem Wert meines Lebens und stelle mir Fragen wie ‚Was habe ich geleistet, warum habe ich ein Recht auf Leben?‘

Zugegeben, die Empathie wird hier auf eine harte Probe gestellt. Mit wem soll man in den jeweiligen Situationen Mitgefühl empfinden? Sanny Regen wurde zu einem Opfer gemacht. Zweifelsohne. Aber dadurch wurde sie auch zur Täterin, unverschuldet, aber eben Täterin – was fast zum Tode eines jungen Mädchens hätte führen können, die, wenn die Geschichte so stimmt, vermutlich heute auch schwer traumatisiert ist und wiederum zu einem Opfer gemacht wurde. Das Buch wird so auch zu einer Schulung in Empathie, zum Aushalten von Ambivalenzen und Reflexion eigener Gefühle, die beim Lesen entstehen, so man sie nicht sofort abwehrt. Die Autorin beschreibt ihre Zwangsgedanken, die teils dermaßen brutal und soziopathisch sind, dass man meint, sie sei eine Gefahr für die Allgemeinheit. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn eine Borderlinerin, die die Zwangsgedanken hat, jemanden ein Messer in den Hals zu rammen, auch noch täglich ein Messer bei sich führt?

Abre los ojos – Öffne die Augen

Wer Opfer von Psychoterror und Missbrauch geworden ist, trägt an der Situation keine Schuld. Einzig der Täter trägt die Verantwortung. Aber auch die Gesellschaft, die Menschen im näheren und erweiterten Umfeld stehen in der Verantwortung. Lehrer, Ärzte, Jugendamt, Polizei aber vor allem die erweiterte Familie, Nachbarn und Freunde haben totalversagt. Niemand will bemerkt haben, dass in Sannys Familie etwas nicht stimmt? Und diejenigen, die einen Verdacht hatten, verstummten bei der erstbesten Erklärung? Diverse Töne Rot; ist ein Appell. Ein Appell an uns alle, die Augen zu öffnen, nicht wegzusehen. Der falsch verstandenen Loyalität in der Nachbarschaft die Augenbinde zu entreißen. Der lächerlich anmutende „Dorffrieden“ darf kein Grund sein, das individuelle Leid zu übersehen. Wer Missbrauch vermutet, muss genau hinsehen! Es geht nicht darum bei jedem Verdacht sofort die Polizei zu rufen und damit Gefahr zu laufen, jemanden zu denunzieren. Aber es geht darum Aufmerksam zu sein und die Geschehnisse im Auge zu behalten. Und bei deutlichen Hinweisen oder wiederholten Auffälligkeiten, dann eben doch die Polizei oder das Jugendamt einzuschalten. Vielleicht ist damit dann noch nicht gleich geholfen, aber es wird ein Vorgang aktenkundig gemacht. Und das kann bei wiederholten, auch reichlich zeitversetzten Vorfällen den Ausschlag geben, dass den Betroffenen geholfen wird und das die Situationen ernst genommen werden.

Sehr hin! Duldet nicht das Leid anderer! Diverse Töne Rot; ist äußerst bewegend und herausfordernd. Wer sich dem stellen kann, sollte dieses Buch lesen!

Einziger Wermutstropfen bleibt, dass Borderliner ihre Mitmenschen manipulieren. Sie lügen und täuschen, um ihren Vorteil zu erhalten. Ihr mangelndes Gewissen bzw. eben ihre Empfindungsstörung macht es ihnen auch leicht. Deswegen sind Selbsterzählungen von Borderlinern auch grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen. Die deutsche Rechtsgeschichte kennt zahlreiche Fälle in denen Borderliner mit unhaltbaren Anschuldigungen Leben zerstört haben. Inwiefern alle Geschichten in Sanny Regens Diverse Töne Rot; tatsächlich stimmen und ob die Gesellschaft dermaßen versagt hat, ist natürlich nicht zu klären. Für das Buch spielt es letztlich auch keine Rolle, sollen die Leser schließlich nicht Ankläger und Richter spielen, sondern die Krankheit Borderline und die Betroffenen besser verstehen lernen.

 

Mehr Informationen gibt es beim Starks-Sture Verlag. Dort kann das Buch auch direkt bestellt werden.

 

Sanny Regen
Diverse Töne Rot; Borderline – und nach außen alles normal!
Bindung: broschiert
Seiten: 168
Verlag: Starks-Sture Verlag
Preis: 11,90
ISBN: 9783939586258

 

 

Das Exemplar habe ich von erhalten.

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