cover moral des krieges
Sachbuch:
Wilfried Hinsch
Preis:
22,00 €

Rezension von:
Bewertung:
2
11. Mai 2017
Letzte Änderung:18. November 2017

Philosophische Handreichung für Militaristen

Die Moral des Krieges. Für einen aufgeklärten Pazifismus.

Gibt es einen gerechten Krieg? „Wann soll sich Deutschland militärisch engagieren?“ Sind die Reden des ehemaligen Bundespräsidenten Gauck, der sich als Hauptaufgabe gesetzt hatte, deutsche Soldaten müssten wieder zur Waffe greifen, um Frieden zu schaffen, Ausdruck eines aufgeklärten Pazifismus, für den der Philosoph Wilfried Hinsch wirbt? Bereits nach dem Vorwort von Die Moral des Krieges könnte man sich die weitere Lektüre sparen. Geht es Hinsch und seinem Mitautoren Peter Sprong doch darum, dass „militärische Gewalt nicht per se verdammt“ werden dürfe, „wohl aber deren macht- und wirtschaftspolitischen Missbrauch.“ Wer wollte da nicht zustimmen? Natürlich sind Konflikte und Kriege vorstellbar, bei denen die Weltgemeinschaft dringend militärisch intervenieren muss. Das beste Beispiel ist der Zweite Weltkrieg. Doch welche militärische Intervention, der letzten 70 Jahre war denn nicht durch „macht- und wirtschaftspolitischen Missbrauch“ geprägt? Wenn das die Prämisse ist, dann könnte man sich den Rest getrost sparen.

Was folgt, sind 250 Seiten philosophischer Elfenbeinturm. Ein Proseminar in Moralphilosophie, das sich durch Abstrahierung von der Wirklichkeit auszeichnet und sich in Gedankenspielen und Taschenspielertricks selbst verliebt. Dabei ist das Thema selbstverständlich wichtig und eine gesellschaftliche, ehrliche Diskussion wäre wichtig. Dafür gibt es dann auch die zwei Punkte der Rezension. Das Anliegen und der gelassene, wissenschaftliche Schreibstil sind der Gewinn des Buches. Der Rest ist allerdings nichts anderes als die philosophisch verschwurbelte Aneinanderreihung von Argumenten für Militaristen und Bellizisten. Das kann auch kaum verwundern, hat sich Hinsch mit Sprong doch einen professionellen Redenschreiber als Co-Autoren gesucht. Und so liest sich das Buch auch als Handreichung für die Verteidigungspolitischen Sprecher der Parteien. Argumente für den gerechten Krieg. Was aus Sicht des Moralphilosophen gerecht ist, wird breit ausgewalzt, was allerdings Krieg ist, erfahren wir hingegen nicht. Da verbleiben die Autoren dabei auf Herfried Münklers populistische Thesen zu den „Neuen Kriegen“ oder zu „Hybriden Kriegen“ zu verweisen.

Deutschlands Verantwortung

Man könnte das Buch nun Seite für Seite kommentieren, aber da würde man dem Werk bereits zu viel Aufmerksamkeit schenken. Es beginnt mit solchen Sätzen: „Das Jahr 1945 markiert für Deutschland nicht nur die größte militärische und politische Niederlage seiner bisherigen Geschichte.“ Man könnte natürlich auch auf die Idee kommen, das 1945 keine Niederlage, sondern ein Sieg über den Faschismus war. War es überhaupt eine Niederlage Deutschlands oder der nationalsozialistischen Diktatur? Deutschland hier in die Tradition des Faschismus zu setzen und dann auch noch von einer deutschen politischen wie militärischen Niederlage zu schreiben, zeugt von frappanter Unbedarftheit, was die Sprache betrifft.

Die Autoren plädieren für einen aufgeklärten Pazifismus. Eine Wortkombination im besten PR-Sprech. Dabei zeichnen sich der Philosoph und der Redenschreiber als Terrible Simplificateurs, als schreckliche Vereinfacher, aus. Komplexe Prozesse werden hinuntergebrochen auf Alltagsbeispiele, ganz im Sinne der absurden Fragestellung, wie sie bei Wehrpflichtverweigerern gestellt worden sein soll: „Sie gehen mit einer Maschinenpistole durch den Wald, als sie und ihre Freundin überfallen werden, werden Sie sich verteidigen?“ Ist die Realität erst einmal soweit zurecht gestutzt, dass nur noch eine Antwort über bleibt, wird die Argumentationskette fortgesetzt. Am Ende steht immer: Wer nicht zu den Waffen greift, macht sich mitschuldig an Menschenrechtsverbrechen. Man könnte es auch aus einer anderen Perspektive polemisieren: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Diesmal natürlich am guten deutschen Wesen.

Dass das Philosophieren, abstrahiert von realen Menschen, bisweilen dazu führt, selbst menschenverachtende Gedankengänge zu produzieren, hat sich in der Geschichte der Menschheit schon öfter gezeigt. Da wollen die Autoren nicht zurückstecken und erklären, dass „Unschuldige“ in Kriegsgebieten ja irgendwie gar nicht so richtig unschuldig sein können.

„Kriege, Bürgerkriege und bürgerkriegsähnliche Konflikte sind kollektive Ereignisse, die nicht möglich wären, wenn die Krieg führenden Truppen oder Gruppierungen keine nachhaltige gesellschaftliche Unterstützung bei denen fänden, die als Politiker, Propagandisten, Wirtschaftsführer oder schlicht als Wähler ihre Sache unterstützen. Es ist also nicht ausgemacht, dass es sich bei Menschen, die in einem kriegerischen Konflikt zu Tode kommen und die weder als reguläre Soldaten noch als irreguläre Kämpfer (Guerillas, Terroristen, Freiheitskämpfer) unmittelbar am Kampfgeschehen beteiligt sind, tatsächlich immer um ‚Unschuldige‘ in einem moralisch relevanten Sinne handelt.“

Das erinnert doch sehr an: Tötet sie alle, Gott wird seine Entscheidung treffen, wen er im Himmel aufnimmt. Deus lo vult – Gott will es. Es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie solch ein Unsinn, als Diskussionsbeitrag verklärt werden kann. Mit der Begründung, hätten die Alliierten Nazi-Deutschland auch gleich ganz auslöschen können. Oder andersherum ist es eine hervorragende Rechtfertigung für die von der Wehrmacht begangene Partisanenbekämpfung.

Philosophie, das Sudoku alter intellektueller Herren

Im letzten Teil werden noch fünf Kriterien für einen gerechten Krieg aufgeführt. Solange die Autoren aber die Realität, die Empirie einfach ausblenden, ist das Werk sicherlich ein schönes Gedankenspiel für Philosophieinteressierte oder für die Elfenbeinturm-Bubble. Für die reale Frage von Krieg und Frieden spielt es überhaupt keine Rolle. Nachdem die USA einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak geführt haben, würde das dann bedeuten, dass die Bundeswehr auf Seiten der Iraker gegen die US-Streitkräfte intervenieren würde? Sicher nicht. Denn Moral spielt in der internationalen Politik nicht die geringste Rolle. Aber schön, dass wir mal drüber geredet haben.

Das ganze Buch ist ein hochgradig normativer Beitrag, der letztlich kein echter Diskussionsbeitrag sein will, sondern vom Ziel her argumentiert. Die Einsätze der Bundeswehr sollen gerechtfertigt werden. Und dazu werden nun philosophische Gründe gesucht. Kann man machen, kann man auch lassen. Meine Erkenntnis ist, dass Moralphilosophie keinen Beitrag für das Verständnis von oder die Diskussion über gerechte Kriege leisten kann. Wer Spaß am philosophieren hat, etwas über Utilitarismus oder John Rawls Theorie der Gerechtigkeit, auf Wikipedia-Niveau, lernen möchte, kann aber dennoch getrost zugreifen.

Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es direkt bei Piper.

 

Die Moral des Krieges. Für einen aufgeklärten Pazifismus.
Wilfried Hinsch
Mitautor: Peter Sprong
Hardcover mit Schutzumschlag
Seiten: 272
Verlag: Piper
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-492-05771-4

 

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