cover Vox
Roman:
Christina Dalcher
Preis:
20,- €

Rezension von:
Bewertung:
4
10. Oktober 2019
Letzte Änderung:10. Oktober 2019

Unbehaglicher Gesellschaftsentwurf im Schnittfeld von Near-Future und Uchronie als Reaktion auf den konservativen Backlash in den USA.

Christina Dalcher – Vox

Bekanntlich enthält die von Fantastik und Mythen nur so strotzende Bibel als heiliges Buch des Christentums auch etliche tiefgründige, dem rauen Leben abgewonnene Weisheiten, verkleidet in Gleichnissen oder Aussprüchen. Zu den geläufigsten Dikta zählt „Wer Wind sät, wird Sturm ernten” nach Buch Hosea, Kapitel 8, Vers 7. Mit Blick auf die radikal-rabiate Neufassung politischer Gepflogenheiten und Partnerschaften durch die US-amerikanische Administration um Staatsoberhaupt Trump, ist anzunehmen, dass ihnen dieses elementare Sprichwort unbekannt oder entfallen sein dürfte. Was seltsam anmutet, da doch Bibelkenntnis und Bibel(wort)treue Charakteristika diverser christlich-fundamentalistischer (Wähler-)Gruppen darstellen, mit denen jene Regierung unaufhörlich kokettiert, und für sie als Erntehelfer von Stimmzetteln der politisch Enttäuschten und Wütenden, die eine oder andere Gunstbezeugung öffentlich bereithält.

Allerdings, auch oder gerade in „God’s own country“ ist die Chiffre „christlich“ zunächst mal ein Label, mit sehr weitem Interpretationsspielraum und einer variablen Traditionstreue versehen: Der Religionsstifter predigte einst eine Ethik der Mildtätigkeit, Solidarität, Zuwendung und des Teilens, während heute christlich gesinnte Regierungsoberen und Wortführer des Evangelikalismus regelmäßig Millionäre sind, und, neben der Sündenlehre und Wiederkunft Christi, Eliten-Präzipuum, gesellschaftliche Konkurrenz, Spaltung, Varianten eines rassistischen Geblütsrechtes etc. bewerben. Kein Wunder also, dass deren offensive Überheblichkeit des Diskriminierenden und Radikalen dem Erfahrungsgehalt des obigen Bibelspruches folgend heftigen Gegenwind mobilisiert und die Kohäsion 1)https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/kohaesion/7927 unter humanistisch-demokratischen Gruppen zwischenzeitlich gestärkt hat. In diesen kontinental verstreuten Gruppierungen, engagieren sich häufig Intellektuelle, Künstler, Autoren bzw. liefern mit ihren Werken Reflexionsräume sowie unterstützende Denk- und Handlungsinstrumente. Bemerkenswert hellsichtig, wie auch angenehm unterhaltsam, geschieht dies im Kontext der allgemein populär werdenden Near Future-Literatur, häufig aus der Feder gleichsam immer präsenter weiblicher Dystoperinnen kommend. VOX, der Abstecher der US-amerikanischen Linguistin Christina Dalcher in eine New World Order ihres Heimatlandes, 2018 bei S. Fischer erschienen, ist ein solcher belletristischer Reflexionsraum.

USA – konservativ wiederbelebt

Dort begegnen wir einem aktualisierten Gesellschaftsvertrag zwischen den Freien, Gleichen, Vernunftbegabten und nach Glück Strebenden im Land der Auserwählten. In den neuen Verhältnissen blüht eine Kränkungskultur extremer Art, in deren Zentrum eine wieder gelebte Moralität als Staatsräson, die Neujustierung gesellschaftlicher Teilhabe sowie die Vergabe von Nutzungsrechten an Kommunikation stehen. Die Routinen der (nicht immer zu Recht) sich als demokratisch-liberal verstehenden früheren Lebensordnung sind knapp ein Jahr nach der Inauguration des neuen Präsidenten Sam Myers passé. Er ist fromm, weiß, konservativ, radikal moralisch. Und nicht Putsch, Manipulation oder etwaige Notfall-Regelungen ebneten seinen Weg zur Leitung der höchsten Staatsfunktionen und institutionellen Kolonialisierung des Alltags durch Religion, sondern reguläre Wahlen am Ende einer konservativen Renaissance. In dieser bilden, fließen ineinander und verstärken sich verschiedene Bewegungen mit Tendenzen zum extrem rechten Fundamentalismus, wie die der „Reinen Frauen/Männer“. Ihr Aufkommen und ihre Zugkraft manifestierte die Verhaltens- und Verhältnisändernde Immunreaktion auf die vielgestaltige Krise, die die Potenz und Großartigkeit der US-Nation bedrohte: Zusammengebrochene Familienkulturen, Alleinerziehende, orientierungslose Kinder, diffuse Geschlechtsidentitäten, Drogenmissbrauch, Verbraucherschulden, Schulschießereien, Umweltverschmutzung, Fettleibigkeit, Erektionsstörungen etc.

Irgendwann begann sich das auszuweiten, was als Bibel Belt, Bibelgürtel, bekannt war, dieser Streifen, der Südstaaten, in dem die Religion regierte. Er verwandelte sich vom Gürtel zu einem Korsett, das alles bis auf die Gliedmaßen des Landes bedeckte, die demokratischen Utopien von Kalifornien, Neuengland, den pazifischen Nordwesten, Washington und die südlichen Anhängsel in Texas und Florida, so stramm auf demokratischer Linie, dass sie unantastbar schienen. Doch dann wurde das Korsett zu einem Ganzkörperanzug, der sich schließlich auch bis nach Hawaii ausweitete.

Das sprachzerstörte Amerika

In diesem Neu-Amerika kann man in den Haushalten täglich millionenfach eine Art eruptive Emanzipation bestaunen und zwar Mitternacht, wenn Zählwerke, silbrige oder nach Wunsch andersfarbige Metallmanschetten an den Handgelenken, zurückgesetzt werden und >man<, wie durch einen magischen Gnadenerlass, das Privileg der Teilhabe an der Gesellschaft wiedererlangt. Die Geräte sind Wortzähler, bei dem emanzipierenden Privileg handelt es sich um das Anrecht auf Nutzung von Sprache als Kommunikationsmittel und das unbestimmte >man< sind ausschließlich Frauen, die, gleich welchen Alters, Konfession, Berufsstellung oder Sozialstatus in der Vorzeit der erfolgten moralischen Restauration, ausnahmslos die Zählwerke zu tragen haben. Das gilt auch für die Ich-erzählende Protagonistin dieses dystopischen Trips, die Ehefrau, Mutter von vier Kindern und früher erfolgreich im Bereich der Reversion der sensorischen Aphasie (Wernicke-Aphasie/Sprachstörung aufgrund einer Schädigung der Sprachzentren im Gehirn 2)https://www.thieme-connect.de/products/ebooks/pdf/10.1055/b-0034-58833.pdf.) forschende Neurologin und kognitiven Linguistin, Dr. Jeanie McClellan.

Gemeinsam mit ihrer sechsjährigen Tochter Sonja und den anderen Frauen ist sie zu einem Leben unter kommunikativem Verschluss verdammt, gefangen in einer grotesken Parallelwelt „geschlossener Fragen, die man mit Nicken oder Kopfschütteln beantworten kann“. Eine, wohlgemerkt aus praktischen Erwägungen resultierende, strukturelle Überlebensstrategie im neu geordneten Familienleben, da das zulässige tägliche Sprachpensum einer Frau auf hundert Worte begrenzt ist. Jede Überschreitung wird entsprechend der Höhe des Sprachpensumverstoßes mit zunächst milden bis hin zu lebensgefährdenden Stromstößen sanktioniert. Der geschilderte Alltag ist Knast, bestimmt von einer tadellos funktionierenden, alles durchdringenden Überwachung und Fremdbestimmung, lassen sich die ewig horchenden Gadgets weder austricksen, noch abnehmen, noch mittels Gesten oder Zeichensprache umgehen. Auch diese sind verboten und die zunehmend versiegende Öffentlichkeit umfassend videoüberwacht. Wer nicht fliehen konnte, dem bleibt nur das Gehorchen.

Am Anfang gelang es einigen Menschen, das Land zu verlassen. Die Behörden brauchten nicht lange, um Grenzposten zu errichten, und die Mauer, die Südkalifornien, Arizona, New Mexiko und Texas von Mexiko trennte, war bereits erbaut worden, daher hörten die Ausreisen bald auf.

Leben in einer reinlichen Welt

Das neokonservative „100-Wörter“-Regime wird zwar vom Rest der Welt aufgrund des ins Absurde ausgearteten Extremismus verlacht, doch zu lachen gibt es wenig, wenn man keinen Reisepass mehr besitzt, vom Berufsleben ausgeschlossen ist, die patriarchalen Matchstrukturen in ihrer technisch unterstützten Revitalisierung den familiären Innenbau wie auch Außenverkehr bestimmen und soziale Institutionen, wie Freundschaft oder Verwandtschaft, zum Erliegen bringen. Denn wie attraktiv ist eine Grillparty ohne Wortfluss, das Ausgehen ohne Flirtmöglichkeiten, Verwandtenbesuche unter dem Diktat des Stummseins, Beisammen sein mit Ausdruckssperre?

Die neokonservative Rückkehr aus der Verwirrung der Moderne korrigiert selbstverständlich den Albtraum LGBTQIA+ und ohne Berufsmöglichkeiten bleibt Frauen im heiratsfähigem Alter nicht viel Wahl das Lebens-, ggfs. auch Liebesglück zu finden. Auch Bücher sind in dieser von Reinheit und Regelkunde besessenen Welt größtenteils aus den Haushalten verschwunden oder in versiegelte, d.h. stets von den Hausherren kontrollierte Zimmer verbannt. Wo schulisch konditionierte Sprachentwöhnung bei Mädchen >Bildungsauftrag< ist, weshalb auch Lesen, Schreiben und Rechnen auf das Fach „simple Arithmetik“ reduziert und Wettbewerbe um die schweigsamste Schülerin abgehalten werden, gelten Buchstaben als Gefahrenträger sozialer Ordnung, Teufelszeug. Sie formen automatisch die Lust am Lesen, einer misslichen, fehlleitenden, Frauenpflichten zuwiderlaufenden Beschäftigung mit der Welt. Im hochtrabenden Vokabular erhabener Schicksalsbestimmung adeln die Erziehungs- und Schulbücher die Frau als Hüterin der göttlichen Ordnung:

„Die Frau hat keinen Anlass, zur Wahl zu gehen, aber sie hat ihren eigenen Bereich, einen mit erstaunlicher Verantwortung und Wichtigkeit. Sie ist die gottgewollte Bewahrerin des Heims. Sie sollte voll und ganz erkennen, dass ihre Stellung als Ehefrau, als Mutter und Engel des Heims, die heiligste, verantwortungsvollste und königlichste ist, die Sterblichen zuteilwerden kann; und sie sollte alle Ambitionen nach Höherem abweisen, da es für Sterbliche nichts Höheres gibt.“

Überleben in der Bigotterie

Wer heute in Deutschland den Predigtverkündigungen von der Kanzel (noch) Aufmerksamkeit schenkt, begegnet regelmäßig Botschaften wie „Liebt euer Christsein! Widerstand ist was Schönes! Bezeugt Mut, der mitreißt!“. Es ist die Erinnerung an das widerständige Potenzial des sich mit Nächstenliebe und Gerechtigkeitsansprüchen identifizierenden Christentums, wie es sich durch die Märtyrergeschichten aus der Frühzeit als Sekte bis hin zu den humanistischen Zuwiderhandlungen im NS-Regime überliefert hat. Nun, lautstarker Widerstand oder konspirative Auflehnung, ist nicht die Sache der McClellans. Dies mag damit zusammenhängen, dass Jeanies Ehemann, die Liebe aus der guten alten Unizeit, ausgerechnet der Wissenschaftsberater der neuen Regierung ist. Es mag daran liegen, dass die Unterhaltung einer sechsköpfigen Familie Ressourcenintensiv und selbst mit einem gutdotierten Regierungsgehalt nur schwer zu stemmen ist. Oder es ist der nachvollziehbaren Überzeugung geschuldet, dass Arbeitslager keine verlockende Lebensoption darstellen. Das Fernsehen strahlt schließlich regelmäßig alleine durch den vermittelten Schrecken belehrende Anklage- und Läuterungssendungen von Norm(ver)brechern aus, die enteignet, kahlgeschoren, wie zertrampelt, in Büßerkleidung vorgeführt und der Fürsorge des wohlwollenden Moralstaates anvertraut, sich in abgelegenen Straflagern wiederfinden.

Trotz ihres desolaten, von Freiheiten der Vergangenheit entleerten (Hausfrauen-)Daseins, hat sich Jeanie McClellan als ehemalige, den Prinzipien der wissenschaftlich orientierten Aufklärung verpflichtete Forscherin, mit diesem nicht gänzlich abgefunden. Sie hadert als widerständiges Subjekt oft im Geist, wälzt ihre Erinnerungen nach persönlich verschuldeter Fahrlässigkeit und Naivität durch, rebelliert in Ausnahmefällen auch sichtbar, was allerdings immer selbstschädigende Aspekte mit sich bringt. Gefesselt an die Ohnmacht einer sozial Ausgeschlossenen, muss sie alternativlos die allumfassenden Erniedrigungen des Systems erdulden. Der Alltag ist für die, private und berufliche Bewegungsfreiheit und Freidenken gewöhnte Frau, eine Abfolge häuslicher Routinen sowie Abwehrpraktiken der Langweile, der Gehirnwäsche, der Sorge um ihre Kinder und des Verdrusses. Was bleibt, in der Neufassung der Banalität des Bösen, sind die „kleinen Albernheiten des Lebens“, Absurditäten inmitten der Invasion des Bigotten:

„Ich fahre nach wie vor Auto, besorge dienstags und freitags Lebensmittel, kaufe neue Kleider und Handtaschen, lasse mir einmal im Monat bei Iannuzzi´s die Haare machen. Wobei ich den Schnitt nie verändert habe – es würde mich zu viele kostbare Wörter kosten, Stefan zu erklären, wie viel er hier abschneiden und dort lassen soll. […] sonntags gehen wir mit den Kindern ins Kino. Die Filme sind eine Ablenkung, denn nur in ihnen höre ich weibliche Stimmen uneingeschränkt und unbegrenzt sprechen. Schauspielerinnen haben einen speziellen Dispens, während sie ihrer Arbeit nachgehen. Ihre Texte werden natürlich von Männern geschrieben.“

Das nationale Brodmann-Areal

Die Banalität des Bösen ist allgegenwärtig in diesem Amerika der Moralpredigten und Regelstrenge, die allseitigen Reibungen nicht auf Anhieb sichtbar. Der Schraubstock der Repressionen lähmt geistig, zumal die Regierung beständig an neuen Regelungen und technischen Kontrollraffinessen arbeitet, um durch den Dauerarrest des Geistes die Deutungshoheit über das vollständige Leben zu gewinnen. Und selbstverständlich, der rationale Sexismus ist wohlgenährt und saugt weiterhin Energie aus der täglichen Bewahrheitung in der Praxis, gestützt durch entwaffnende Begründungen:

„Irgendetwas ist immer. Dauernd ein krankes Kind oder eine Aufführung in der Schule oder Menstruationsbeschwerden oder Mutterschutz. Ständig ein Problem. […] Auf euch Frauen kann man sich nicht verlassen. Nehmen Sie die fünfziger Jahre. Alles war gut. Alle hatten ein hübsches Haus und ein Auto in der Garage und Essen auf den Tisch. Und alles lief glatt! Wir brauchen keine Frauen als Arbeitskräfte. Sie werden es kapieren, sobald Sie diese ganze Wut verdaut haben.“

Doch wie sehr bereinigt die Lebensordnung durch die Handgelenkszählmaschinen, die herrische Bewegung der Reinen, die Anwendung drakonischer Strafen, oder die medial groß aufgelegte religiös-fundamentalistische Indoktrination ausfallen mag, weiterhin gibt es Bereiche, die sich dem Kontrollwahn entziehen, wie Krankheiten oder Schicksalsschläge, von denen keine Person, auch nicht die Präsidentenfamilie, gefeit ist. Als in einer CNN-Sondersendung vom schweren Unfall Bobby Myers, Bruder des Präsidenten und zugleich sein wichtigster Berater/Vertrauter, berichtet wird und der beinahe allmächtige religiöse Führer Reverend Carl Corbin zum Haubesuch erscheint, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten für die Gehirn-Expertin und Koryphäe auf dem Gebiet des Wernicke-Sprachzentrums. Ungewöhnliche Situationen erfordern zuweilen ungewöhnliche Entscheidungen, die auf den noch verbliebeben 330 Seiten in einer dynamischen Geschichte beschrieben werden.

Christina Dalcher gewährt dem Leser durch ihr Alter Ego äußerst plastische Eindrücke aus dem Innenleben einer auf den Grundlagen einer „modernen christlichen Philosophie“ radikalisierten bzw. radikal entstellten Gesellschaft. Die in 80 Kapitel gegliederten 395 Seiten bilden spannendes, kurzweiliges Lesevergnügen, deren größte Stärke das psychologische Familienprofil darstellt, welches Mosaik für Mosaik aus der Schilderung innerfamiliärer Betriebsamkeit zusammengesetzt wird. Als kleinste Integrationseinheit der Gesellschaft steht sie im Fokus der Angriffe und Propaganda und es schaudert einem beim Verfolgen der herangezüchteten Zerwürfnisse und der unter Spaltungsdruck gesetzten Loyalitäten.

Vorbild USA

Dalchers Leistung ist die Anregung, die eigene Phantasie in den „Als-ob“-Modus zu schalten und sich in diese bizarre, zugleich anekelnde, wie auch faszinierende Welt zu begeben. Ein dystopisches Amerika als Projektionsfläche unsere europäischen Ängste und Hoffnungen ist ohnehin recht beliebt, generiert es aufgrund der eindeutigen Stellung der USA als globales Kulturvorbild und Fortschrittsmaschine, wie auch gefürchteten Imperialist mit nie ganz zu fassender Mentalität, vielfach starke Ambivalenzen. Das konstruierte religiös-fundamentalistische Sozialuniversum provoziert u.a. aufgrund der scheinbar naiven, in ihrer Radikalität schon beinahe lächerlichen Überzeichnung der im Hinblick auf Meinungsfreiheit und kommunikative Transparenz weiterhin durchaus als Modellgesellschaft fundierenden USA mit sozial-apokalyptischen Farben. Dabei schafft die Übertragung hierzulande (noch) schwer vorstellbaren Sozialverhältnisse (Apartheid, aufgehobener Rechtschutz, religiöser Fundamentalismus im quasitheokratischen Gewand), die eher vom Hörensagen aus Schurkenstaaten, Militärjunta oder faschistoiden Regimen bekannt sind, eine beklemmende, besorgnissteigende Atmosphäre. Das Interesse, wie die zwiespältige Vertracktheit der Lebensführung mitsamt der gespenstischen Zukunftsaussicht individuell zu bewältigen sind und welchen Entscheidungsspielraum man sich stellvertretend in der Person der Erzählerin angesichts der präsidialen Notlage zutrauen würde, machen den weiteren Reiz des Buches aus. Wobei die Geschichte noch einige Nebenschauplätze bekommt und durchaus so manche gewichtige Überraschung bereithält.

Die Diskrepanz zwischen der positiven Beurteilung der dystopischen Rahmenhandlung als einladenden Denkraum sowie Unterhaltungsmedium (mehr müssen Bücher auch nicht unbedingt leisten) und der Gesamtnote hängt mit der Missempfindung bezüglich des Ineinandergreifens einiger entscheidender Handlungsstränge zusammen. Da gab es Inkonsistenzen, was einige „Kontaktaufnahmen“ und entscheidende Partnerschaften betrifft. Sie sind zu glatt geraten, was die Glaubwürdigkeit beeinträchtigt und als gewisse Schwachstelle das dramaturgische Gesamtbild im Sinne des literarischen-künstlerischen Erzeugnisses etwas verfinstert. Höchstwahrscheinlich hat die Autorin an einigen Stellen in ihrem belletristischen, öffentlichkeitsorientierten politischen Statement zu viel gewollt, was für eine positive Engagiertheit spricht und (ob Erstlingswerk oder nicht) vollkommen in Ordnung geht.

Geschichte wird gemacht

Insgesamt ist VOX eine Anspielung auf die aktuelle Präsidentschaft Donald Trumps als Symptom einer zwar vielfach analysierten, aber nach wie vor ungelösten, existenziellen Krise in den heutigen USA. Ihre literarisch-alarmistische Reaktion auf die dort verstärkt zu Tage tretenden Spaltungstendenzen, den öffentlichen Rechtsruck, wie auch sozialen Unfrieden (z.B. Charleston oder Charlottesville), birgt für Europäer untergründige Informationen über die Verfasstheit der Supermacht und verstärkt das Unbehagen über mögliche Zukunftspfade dieser selbst durch ihre Innenpolitik global wirkenden Nation. Das Buch sollte am besten als instruierende Mahnung aufgefasst werden, welche Entwicklungsoptionen bereitstehen, wenn Demokratie als zu robuste Instanz fehlinterpretiert wird und politisches Engagement in seiner energiebeanspruchenden Lästigkeit an Andere delegiert wird. Denn bei aller Sympathie, Dr. Jeanie McClellan ist keineswegs eine politisch unschuldige Person, deren frühere Individualentscheidungen nicht mit ihrer gegenwärtigen Gefangenschaft als Halbstumme zusammenhängen würden. Viele ihrer Erinnerungen fokussieren die Unizeit und darin ihre damals gute Freundin Jackie, eine feministische Menschenrechtsaktivistin. Diese versuchte über das gesamte Studium Jeanies Aufenthalt in der Lehrbücher-, Prüfungs- und Laborblase mit allerlei Argumenten, Analysen, Demoteilnahmeangeboten, zukunftsweisende Belehrungen etc. zu sabotieren; ihr Abfahrten auf dem gänzlich unpolitischen, sozial desinteressierten, ego-bezogen Karriereweg zu zeigen. Das hat Potenzial als handlungs(an)leitendes Vorbild zu fungieren, wie auch als Warnung vor den möglicherweise nicht ganz so fiktionalen Konsequenzen einer aus diesen oder anderen Gründen gewählten Abschottung von der Welt, die für jeden von uns eine Versuchung darstellt.

„Was glaubst du, wer momentan am wütendsten ist? In unserem Land, meine ich.“

„Ich zuckte mit den Schultern. > Afroamerikaner<?“

„Nein, du Dussel. Der heterosexuelle weiße Mann. Er ist stinkwütend. Er fühlt sich entmannt.“

„Also ehrlich, Jacko.“

„Natürlich tut er das. Wart´s nur ab. In ein paar Jahren ist es eine andere Welt, wenn wir nicht etwas unternehmen, das zu ändern. Ausgeweiteter Bibelgürtel, mieseste Repräsentierung im Kongress und eine Meute machthungriger kleiner Jungs, die es satthaben, dauernd ermahnt zu werden, einfühlsamer zu sein. Und denkt ja nicht, dass es nur die Männer sind. Die Heimchen am Herd werden zu ihnen halten.“

„Die wer?“

„Die Hausmütterchen. Die Mädels in farblich abgestimmten Röcken und Pullovern und praktischen Schuhen, die auf ihren Abschluss als Ehefrau hinarbeiten. Glaubst du, die können uns leiden? Denk mal nach.“

„Und das tat ich. Alles entwickelte sich fast genauso, wie Jackie es erwartet hatte. Und schlimmer. Es kam aus so vielen Richtungen auf uns zu, und so lautlos, dass wir keine Möglichkeit hatten, die Reihen zu schließen. […] Eines lernte ich von Jackie: Man kann nicht gegen etwas protestieren, das man nicht kommen sieht.“

 

Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es direkt bei S.Fischer.

Vox
Christina Dalcher
Originalsprache: Amerikanisch
Übersetzt von: Susanne Aeckerle, Marion Balkenhol
Hardcover
400 Seiten, gebunden
Preis: 20,- €
Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397407-2

 

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