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Mars. Erzählungen

Phantastische Literatur lag von Anbeginn im Spannungsverhältnis zwischen Eskapismus und Emanzipation. Wobei ich den Vorwurf des Eskapismus eher als moralischen Chauvinismus begreife. Die Flucht vor der Wirklichkeit ist angesichts der Pathologie der Normalität vielmehr Ausdruck geistiger Gesundheit oder zumindest der Versuch der Psychohygiene. Nichtsdestotrotz kann Fantastik aber auch einen emanzipatorischen Anspruch hegen. So schreibt Annette Kautt im Rossipotti-Literaturlexikon: „Phantastische Erzählungen können im Besonderen bekannte Sichtweisen durchbrechen. Sie können also einen subversiven, umstürzlerischen, aber gleichzeitig auch konstruktiven, visionären Charakter haben.“ Asja Bakićs Kurzgeschichtensammlung „Mars“ ist vor allem Letzteres, ohne das eskapistische Moment des Phantastischen zu negieren. „Ich habe immer sehr aufmerksam Dystopien gelesen, doch ich konnte nicht ahnen, dass ich eine erleben würde“, beklagte sich Bakićs Alter Ego in Mars, der titelgebenden Erzählung und damit scheint das Leitmotiv für die 10 Kurzgeschichten gegeben.

“Die Menschen können verschwinden alles andere muss unberührt bleiben.”

Die Versprechungen der Realität, die Behauptungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit entpuppen sich zunehmend als Blendwerk kapitalistischer Produktionsweise, die eher „der Mensch ist des Menschen Feind“ kultiviert. Wobei es zahlreiche graduelle Abstufungen der Feindschaft gibt. Das dahinsiechende Patriarchat ist genauso erfinderisch wie der im Todeskampf befindliche Kapitalismus. Und so kämpfen die Besitzstandwahrer mit alle Mitteln und verwandeln dabei langsam und fast unbemerkt die Realität in die Dystopie. Insofern sind die Anderen tatsächlich die Hölle. Und Angst- und Furchtbilder brechen sich vor allem Nachts Bahn. So sind es vornehmlich alptraumhafte Szenarien in denen sich die Protagonistinnen wiederfinden. Und ganz wie der Traum zeugen die Geschichten von Verdichtung, Verschiebung und der Verschleierung von Inhalten durch Übertragung. Die psychoanalytische Traumdeutung hätte hier große Freude.

Aber auch die Leser*innen kommen nicht zu kurz. Wer sich dem Genre der Fantastik mit Anleihen an Horror- bzw. Gruselgeschichten, Science Fiction oder der guten alten Romantik verbunden fühlt, bekommt hier 10 Geschichten, die es in sich haben. Das ist keine Bahnlektüre, das ist Kunst und genauso will Mars auch gelesen werden. Und zwar gerne auch mehrmals. Denn Die Geschichten sind hochgradig assoziativ, wie es Träume nun mal so sind. Ohne echten Anfang, ohne Ende. Dafür mit interpretativem Tiefgang. Ein Potpourri der Wunsch- und Furchtbilder eingebettet in luzide Träume. Alle klassischen Themen der psychoanalytischen Trauminhalte werden benannt. Tod, Leid, Grandiosität, Nacktheit bzw. Sexualität und Prüfungssituationen. Dabei erinnern Schreibstil und Inhalt ein ums andere Mal an Edgar Allen Poe.

Schreiben als Wunsch- und Furchtbild

Und mit Sigmund Freud lässt sich auch festhalten, dass der Traum oft da am tiefsinnigsten ist, „wo er am tollsten erscheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten und es nicht gefahrlos sagen konnten, gerne die Narrenkappe aufzusetzen.“ Und so narrt der Traum und tut als wäre er Fantastik, wo er doch nichts anderes ist als die Wirklichkeit. Es ist nicht unbedingt die Wirklichkeit der Leser*innen, auch wenn die Wirklichkeit gesellschaftlich konstruiert ist, so ist es hier doch eher die Realität von Asja Bakić, der wir geisterhaft folgen dürfen.  Bakićs Traumwelten sind wie ein Freizeitpark des Grauens. Selbst im schriftstellerischen Bardo entkommt man nur durch Leistung, Androiden, Klone und Ehefrauen durchbrechen die Geißeln der Objektivierung und sind Hyperbel der Selbstermächtigung oder zumindest der Selbstwirksamkeit, wahnhafte und absurde Reisen ins Ich oder besser ins ES, in das Unbewusste, sind die Achterbahnfahrt bevor es mit Vollgas in den Looping geht, der die Menschen aus Europa nach Afrika flüchten lässt und die verkehrte Welt zum Abschluss bringt.

Und es ist wieder Freud, der das Fazit für Asja Bakićs Mars-Erzählungen liefert:

Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlaf nicht stören. (…). Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart gestattet, sie haben es »faustdick hinter den Ohren«.

 

Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es direkt bei den Verbrechern.

 

Mars. Erzählungen Book Cover Mars. Erzählungen
Asja Bakić
Fantastik
Verbrecher Verlag
Hardcover
160
https://www.verbrecherverlag.de/book/detail/1052
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
20,00 €
9783957324740

Hyperbel der Selbstermächtigung. Oder: emanzipatorischer Eskapismus. Unbedingt empfehlenswert.