Sachbuch:
Tuvia Tenenbom
Preis:
9,99 €

Rezension von:
Bewertung:
2
20. Januar 2017
Letzte Änderung:18. November 2017

Für Zyniker, Polemiker und die Generation GNTM. Ansonsten Finger weg.

Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise

„Ich schaue mich um. Wo gibt es etwas Lustiges zu sehen?“ Ehrlicher hätte es an dieser Stelle natürlich heißen müssen: Wo gibt es etwas zu sehen, worüber ich mich lustig machen kann? Aber weiter geht’s: „Direkt vor mir spielt eine Gruppe schwarzer Sänger und Musiker irgendeine afrikanische Musik, das machen sie echt toll. Ihr Rhythmusgefühl ist fantastisch. Einige Weiße lassen es sich nicht nehmen zu tanzen. Ihrem Tanz geht allerdings jede Anmut, jedes Talent ab und ihr Rhythmusgefühl – wenn man davon überhaupt sprechen kann – ist völlig daneben. Eine der Tänzerinnen lacht die ganze Zeit über. Ich habe nie verstanden, warum schlecht Tänzer lachen, während sie wild in der Gegend herumhopsen.“

Was Anmut ist entscheidet natürlich Tuvia Tenenbom. Nicht weil es irgendeine Bedeutung hätte, sondern einfach nur um sich und seine geneigten Leser zu amüsieren. Es ist der Humor des Privatfernsehens, bei dem man sich über jemand anderen lustig macht, weil er irgendwelchen imaginierten und für wichtig gehaltenen Normen nicht entspricht. Es ist der konservative Humor alter Männer, der ausschließlich davon zehrt, sich über andere zu erheben, andere abzuwerten.

Und dann wagt eine Tänzerin es auch noch Spaß zu haben, obwohl das Ästhetikgefühl Tenenboms verletzt wurde. Wie kann man bloß als „schlechter“ Tänzer lachen und Spaß am Leben haben. Unverschämt.

Und damit ist auch das gesamte Konzept des Buches beschrieben. Was nicht in die eigene äußerst konservative Weltsicht passt, was nicht den eigenen Werten entspricht wird abgewertet und lächerlich gemacht. Offensichtlich reicht das einem Großteil seiner Leser. Germanys Next Topmodel und Deutschland sucht den Superstar erfreuen sich ja auch immer noch hoher Einschaltquoten.

Man kann die gesamte Bewertung des Buches auch mit einem Aphorismus beschreiben:

Wenn Peter etwas über Paul erzählt, erfahren wir mehr über Peter als über Paul.

Jede Aussage ist nicht nur einfach eine Sachaussage, sie ist auch immer zugleich eine Aussage über den Sprecher selbst. Über seine Werte und Einstellungen, über seine Weltsicht.

Besonders frappant zeigt sich das bei einer Zugfahrt, die Tenenbom beschreibt. Er sitzt in einem Regionalzug und hat das Fenster komplett geöffnet. „Der Zug fährt los! Die frische Luft strömt herein! Ich bin im siebten Himmel! Doch dann beginnt die deutsche Offensive.“ Unter einer Offensive macht es Tenenbom nicht. Dabei rät er den Deutschen permanent sie sollten sich endlich vom dritten Reich und dem Nationalsozialismus lösen. Nun denn. Deutsche Offensive zieht halt immer. Für keinen Kalauer zu schade. Der deutsche Blitzkrieg besteht aus einer etwa 30jährigen Frau, die ihn bittet, das Fenster zu schließen, weil es zieht. Welch Offensive. „Sie klingt so streng, so fordernd, daß ich ihr einen Kompromiß anbiete: halboffen, halbgeschlossen.“ Denn wo käme ein Tenenbom hin, wenn er nicht die deutsche Offensive wenigstens halbwegs abwehren würde und noch genügend Provokationspotenzial übriglassen würde. Was ist schon Luftzug. Der tut doch keinem weh.

„Anderthalb Minuten später nähert sich eine andere deutsche Dame. Diese hier scheint in den frühen Zwanzigern zu sein, fit und gesund, schön und athletisch.“ Was spielt das für eine Rolle? Bedienen voyeuristischer Begierden der männlichen Leser? „Sie möchte, daß ich das Fenster schließe, denn ‚es ist zu kalt‘. Wo kommt sie her, aus der Sahara? Heute ist einer der heißesten Tage des Jahres. Was stimmt nicht mit ihr? Sie verlangt, daß ich mich ihrem Befehl beuge.“ Und wer wüsste nicht, dass der Deutsche grundsätzlich befiehlt. Und was stimmt eigentlich mit Tenenbom nicht? Es ist dieser egozentrische Blick auf die Menschen, die Tenebom trifft, der das gesamte Anliegen des Buches ins Leere laufen lässt. Das ständige Verallgemeinern, Polemik, Chauvinismus und Zynismus. Die Waffen des schwachen Verstandes. Aber mit der Geste des überlegenen Intellektuellen. Tenenbom ist ein terrible simplificateur – ein schrecklicher Vereinfacher.

Und dabei wäre das Grundanliegen so wichtig gewesen und so einfach zu belegen. Denn im Kern geht es Tenenbom darum aufzuzeigen, wieviel Antisemitismus im Alltag der Deutschen immer noch existiert.

Und dass es davon noch reichlich gibt, belegen zahlreiche Studien Jahr für Jahr. Auch die Protagonisten, die er trifft, sind ja auch zu einem großen Teil genau die Klientel, die einen alltäglichen Antisemitismus leben: nämlich ein grober Querschnitt durch die Gesellschaft. Wir alle müssen uns die tradierten Stereotype bewusst macht, um nicht in alltäglichen Antisemtismus zu verfallen. Man kann sich nicht einfach aus den gesellschaftlichen (Sprach)Zwängen herausziehen.

Insofern ist das Anliegen Tenenboms wichtig und richtig. Und die aufgezeigten Fälle auch durchaus repräsentativ. Aber die Art und Weise wie Tenenbom ignorant und arrogant seinen Gesprächspartnern gegenüber auftritt, ist unerträglich. Nur gegenüber seinen Brötchengebern bei der Zeit schlägt er einen anderen Ton an. Ausgerechnet bei Helmut Schmidt und Giovanni die Lorenzo findet er nicht zu seinem abwertenden Stil. Wie wäre das auch möglich, teilen diese drei doch ganz offensichtlich die gleichen Werte.

Die Zehn Euro kann man sich getrost sparen. Es sei denn man will sich mal wieder köstlich auf Kosten anderer amüsieren. In Kürze erscheint von Tenembom „Allein unter Flüchtlingen“. Auch das ist bereits vorbestellt. Ich bin gespannt, ob es besser wird.

 

Tuvia Tenenbom
Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise
Erschienen: 08.06.2015
suhrkamp taschenbuch 4659, Broschur, 430 Seiten
ISBN: 978-3-518-46659-9

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