Zeitschrift:
allmende
Preis:
12 €

Rezension von
Bewertung:
4

Auf einen Blick:

Lesens- und Bedenkenswert!

„Neuer Antisemitismus“ – 98. Ausgabe der Literaturzeitschrift allmende

Allmende ist eine Literaturzeitschrift die sich in literarischen, essayistischen und dokumentarischen Formen kritisch mit Gesellschaftsentwicklungen beschäftigt. Thema der aktuellen Ausgabe ist der sogenannte Neue Antisemitismus. Dabei scheint allmende den Begriff etwas leichtfertig als gegeben anzunehmen.

„Der sogenannte Populismus ist auf dem Vormarsch. Autokratische Politiker wie Putin, Erdogan und Trump demonstrieren global ihre Macht, während rechte Ideologien innerhalb Europas beständig Zuspruch erhalten. Zuvor latent bestehende Ablehnung wird zunehmend offen geäußert. Zusätzlich etabliert sich eine neue Form des alltäglichen Antisemitismus. Migranten, die mit dem Feindbild des „jüdischen Staates Israel“ sozialisiert wurden, befördern diesen Konflikt. Die Literatur als Teil der Gesellschaft kann sich diesen Entwicklungen nicht entziehen.“

Inwiefern es sich tatsächlich um einen neuen Antisemitismus handelt oder lediglich um neuen Wein in alten Schläuchen bedenken einige der Autoren. Den Einstieg übernimmt Mirna Funk „Nichts Neues im Westen“ mit einer sehr persönlichen Betrachtung, die mir aber dermaßen gut gefallen hat, dass ich mir dann auch gleich ihr Buch „Winternähe“ bestellt habe. In ihrem Beitrag erzählt sie von ihren Begegnungen mit dem alltäglichen Antisemitismus auf ihren Lesereisen. Und der Antisemitismus ist so neu nicht. „Dieser ‚neue Antisemitismus‘ ist vor allem ein Antizionismus gepaart mit Verschwörungstheorien, die die Täter-Opfer-Achse stabilisieren sollen. Er ist geprägt von Unwissenheit, dem Wiederholen aufgenommener Informationen aus den Medien und dem völligen Fehlen eigenen Denkens.“

Erschütternd ist Mirna Funks Resignation. Der Versuch mit ihrem Buch über Antisemitismus aufzuklären, erscheint ihr als gescheitert. Man kann Antisemiten, ob nun ideologisch überzeugte oder „lediglich“ Alltagsantisemiten, nicht von ihrem Glauben abbringen. Eine Sicht, die sich frappant durch das ganze Heft zieht.

Das Heft ist sehr pluralistisch angelegt, was dem Diskurs sicherlich zuträglich ist, auch wenn die Qualität der Beiträge sehr verschieden ausfällt. Weitere Autoren der Ausgabe sind: Esther Dischereit, Thomas Meyer, Rafael Seligmann, Rabbi Lord Johnathan Sacks, Henryk M. Broder (mit einem seiner lichten Momente), Dirk Laucke, Barbara Honigmann, Lena Gorelik und Esther Stern.

Mit Ausnahme des Beitrags von Dirk Laucke (der allerdings auch den längsten Artikel darstellt) sind die Gedanken sehr lesens- und bedenkenswert. Laucke hingegen hat sein selbstverliebtes, polemisches Geschwätz in einen Artikel gegossen. Inhaltlich ist da natürlich ebenfalls bedenkenswertes bei, aber Polemik ist schon lange die Waffe der geistig Schwachen 1)kein Vergleich mehr mit Polemikern wie Karl Kraus, Karl Marx, Kurt Tucholsky oder Heinrich Heine , die keine andere Funktion mehr hat, als andere abzuwerten, um sich selbst aufzuwerten.

Abgesehen von diesem Beitrag ist die allmende Ausgabe aber eine äußerst lesenswerte Sammlung mit vielen interessanten Gedankengängen. Allerdings bleibt am Ende eine sowohl erschütternde, wie auch verpflichtende Botschaft übrig: die meisten Autorinnen und Autoren betrachten den Kampf gegen Antisemitismus als gescheitert.

Mehr Infos und Leseproben auf der Webseite von allmende.

Bezug direkt beim Verlag.

 

allmende Zeitschrift für Literatur
Herausgegeben von Hansgeorg Schmidt-Bergmann im Auftrag der Literarischen Gesellschaft, Karlsruhe
36. Jg., Heft 98
84 S., s/w-Abb.
ISSN 0720-3098
Einzelbezug: ISBN 978-3-95462-801-8
Erschienen: Januar 2017

 

Nachweise   [ + ]

1. kein Vergleich mehr mit Polemikern wie Karl Kraus, Karl Marx, Kurt Tucholsky oder Heinrich Heine