cover freie geister
Science Fiction:
Ursula K. Le Guin
Preis:
14,99 €

Rezension von
Bewertung:
5

Auf einen Blick:

Unbedingt lesenswerter utopischer Science Fiction Klassiker

Freie Geister

Ursula K. Le Guin hat ihre Utopie über zwei Doppelplaneten 1974 veröffentlicht. Und das merkt man diesem Klassiker der Science Fiction Literatur auch äußerst positiv an. Die vorherrschenden sozialrevolutionären Themen der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts spielen heute kaum noch eine Rolle. Was uns dadurch verloren geht, lässt sich in Freie Geister bestens nachspüren. Urras und Anarres sind Doppelplaneten im Ekumen-Universum. In diesem Universum siedelt Le Guin ihren achtteiligen Hainish-Zyklus an. Dabei ist Freie Geister zeitlich als erster Roman eingeordnet, so dass man die anderen Werke nicht kennen muss. Urras ist der Hauptplanet auf dem die Menschen in mehreren Staaten leben. Eine gescheiterte anarchistische Revolution führte dazu, dass die Revolutionäre auf Anarres übersiedelten. Frei von der Herrschaft der Urassier.

Die Handlung setzt etwa 200 Jahre nach der misslungenen Revolution ein. Urras ist eine Welt der Hochtechnologie mit unterschiedlichen Staatssystemen: Kapitalismus, Sozialismus, Militärdiktatur. Letztlich sind aber alle Systeme militaristisch und autoritativ organisiert. Urras und Anarres pflegen einen Handelsaustausch, ansonsten existieren keine Beziehungen und das Betreten von Anarres ist für Urassier verboten. Auf Anarres versuchen die Menschen ihre herrschaftslose Gesellschaft zu verwirklichen während sie dem unwirtlichen Planeten das Leben selbst abringen müssen. Hauptperson ist der geniale Physiker Shevek, der dabei ist eine revolutionäre Theorie zu entwickeln, die Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit ermöglichen würde. Auf Anarres wird diese Arbeit allerdings wenig wertgeschätzt, ist man schließlich keine Raumfahrergesellschaft. Auf Urras hingegen ist man sehr an der Theorie interessiert, weswegen Shevek auch nach Urras eingeladen wird. Ein Tabubruch mit Konsequenzen.

Die mehrdeutige Utopie

Im Original lautet der Titel The Dispossessed. An Ambiguous Utopia. In den ersten Übersetzungen wurde daraus der deutsche Titel Planet der Habenichtse, was so unsäglich falsch ist, dass er 2006 neu übersetzt wurde zu Die Enteigneten. Eine ambivalente Utopie. Diese wortwörtliche Übersetzung wird dem Anliegen Le Guins natürlich wesentlich gerechter. Die aktuelle Neuausgabe und Neuübersetzung von 2017 trifft es aber meines Erachtens am besten: Freie Geister. Wurde hier doch auf den Wortstamm „possessed“ abgezielt – die Besessenen! Entsprechend sind die dispossessed, die nicht mehr Besessenen oder eben: die Freien! Shevek bestaunt die Gesellschaft der Besitzenden, der Propertarier, und der Besessenen.

„Briefe an Propertarier, an Bürger von Staaten, die auf der Ungleichheit von Macht basierten, an Menschen, die nicht anders konnten, als ausgebeutet zu werden und andere auszubeuten, weil sie sich der Regierungsmaschinerie unterordneten.“

Die Urassische Elite versucht Shevek ein angenehmes Leben zu bereiten, damit dieser seine Theorie schnellstmöglich beendet. Schließlich ließe sich durch solch eine Theorie erheblich Macht gewinnen. Und Macht ist das zentrale Element des Romans.

„Shevek wechselte das Thema, aber er grübelte weiter über die Sache nach. Diese Frage von Über- und Unterlegenheit spielte im gesellschaftlichen Leben der Urassier offenbar eine zentrale Rolle.“

Dabei ist Freie Geister eine ambivalente, eine mehrdeutige Utopie. Urras ist nicht einfach die in die Zukunft projizierte Welt der 70er Jahre und Anarres die entsprechend dazugehörige Utopie. Keineswegs. Le Guin hat sich mit Marx und Engels, mit Godwin, Goldman, Goodman und mit Mary Shelley und Kropotkin beschäftigt, um ihre Utopie schreiben zu können. Sie zeichnet sich als profunde Kennerin von Soziodynamiken und Gesellschaftsstrukturen aus, ebenso wie von Psychodynamiken und Persönlichkeitsstrukturen. Und unter Menschen ist nichts eindeutig, nichts ist einfach. Menschen und Gesellschaften sind komplex, hintergründig und immer mehrdeutig. So ist Anarres nicht einfach die verwirklichte Utopie, der herrschaftsfreien Gesellschaft.

„Die Freie Welt von Anarres war in Wirklichkeit eine Rohstoffkolonie des Urras.“

Die wahre Utopie

Urras und Anarres sind Spiegelbilder der gesellschaftlichen Ideologien unserer Gegenwart. Und da hat sich in den letzten 50 Jahren wenig getan. Der von Nietzsche beschriebene und von dem Psychoanalytiker Alfred Adler als ein Lebensmotiv festgestellte „Wille zur Macht“, sind immer noch der Krisen- und Konfliktmotor unserer Welt. Ohne neue Utopien, ohne Sinnstiftung und Zielsetzungen, ohne neue Ideen, werden uns die Dystopien die Zukunft weisen.

„Ideen lassen sich nicht durch Unterdrückung ausrotten. Sondern nur, indem man sie nicht zur Kenntnis nimmt. Indem man sich weigert, zu denken oder etwas zu ändern.“

Freie Geister ist ein unbedingt lesenswerter Science Fiction Klassiker, der angefüllt ist mit Gesellschaftskritik, die sich nicht damit zufrieden gibt, aus der Vogelperspektive das Allgemeine zu verdammen. Sondern vielmehr werden die gesellschaftlichen Strukturen in den Persönlichkeiten offen gelegt und somit das Spezielle zum Gegenstand der Beobachtung und Kritik gemacht. Individuum und Gesellschaft, der Einzelne und das Kollektiv werden hier neu und zusammen gedacht. Das ist die wahre Utopie Ursula K. Le Guins.

 

Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es bei Fischer Tor.

 

Freie Geister
Ursula K. Le Guin
Aus dem Amerikanischen von Karen Nölle
Paperback
Verlag: Fischer Tor
Seiten: 432
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-596-03535-9