cover die nacht ist laut
Belletristik:
Kat Kaufmann
Preis:
20,- €

Rezension von
Bewertung:
5

Auf einen Blick:

Mustread! Koyaanisqatsi und der Wahnsinn der Normalität als frei flottierender Roman!

 Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

„Es gibt helle leuchtende Sterne und es gibt den tiefen abgründigen Wald. Wir sind ihre Kinder.“ So steht es auf dem (von Kat Kaufmann selbst gestalteten) Umschlag. Und es scheint weniger eine Beschreibung des Inhalts, als eine Beschreibung der Autorin zu sein. Die Nacht ist laut, der Tag ist finster wird als Road Novel beworben. Besser wäre es gewesen, den zweiten Roman von Kat Kaufmann als Weird Life Novel zu promoten. Kaufmann erweist sich wieder als ausgezeichnete Beobachterin. Sie beschreibt nichts anderes als die brutale Realität selbst. Nur schöner formuliert, als es die Wirklichkeit zu tun beliebt. Die Nacht ist laut, der Tag ist finster macht Kaufmann zum neuen Stern am deutschen Literaturhimmel.

Der Roman ist mehrheitlich in der zweiten Person geschrieben. Teilweise wechselt die Perspektive dann überraschend in die dritte Person, um endlich eine kurze Passage aus der ersten Person zu erleben. Verwirrung ist bei Kat Kaufmann Programm. So wie die Handlung ein ewiges Stakkato ist, ein Maschinengewehrfeuer des Erlebens und Empfindens, so spiegeln Sprache und Stil doch nichts geringeres als das Leben selbst. Das Leben ist verwirrend und mehr noch häufig sogar verletzend, enttäuschend und im schlimmsten Falle vernichtend. Sozial, Psychisch und Physisch.

Der Wahnsinn der Normalität

Wir sind Jonas. Und wir verlieren unseren Verstand, so wie die Welt ihren Verstand verloren hat. Jonas erbt von seinem geliebten Opa 5.000 Euro und einen Auftrag: „Finde diesen Mann. Valerij Butzukin.“ Allerdings kennt niemand diesen Butzukin. Und dazu scheint der auch noch in Russland zu leben, irgendwo bei Moskau. Was schon unter normalen Bedingungen eine schwierige und herausfordernde Aufgabe gewesen wäre, wird bei Kaufmann zu einer Toure de Force. Denn die Welt ist aus den Fugen geraten. Und dabei erinnert der Roman ein wenig an den Experimentalfilm KOYAANISQATSI. Ähnlich assoziativ, ähnlich free floating, und vor allem dicht dran am Thema des Films: das aus dem Gleichgewicht geratene Leben. Doch während der Film die Makroperspektive eingenommen hat, verfolgt Kaufmann, ebenso wie in ihrem Debüt Roman, die Mikroperspektive. Die Binnenperspektive der Menschen, die in dieser ver-rückten Welt leben müssen.

Kaufmann denkt unsere Gegenwart minimal weiter und hyperbelt (warum nicht mal Hyperbel verbisieren) die Verhältnisse. Der Roman spielt im Jahr 2017, allerdings bereits im Winter. Und der kalte Krieg 2.0 ist in einer Eskalationsphase. Die beiden Blöcke Ameropa und Russasia bereiten sich auf einen Krieg vor. Das mag übertrieben sein, aber weit hergeholt ist es sicherlich nicht. Und hier ist Kaufmann wieder dicht dran an der Trilogie des Filmemachers Godfrey Reggio. Der dritte Teil der Qatsi-Trilogie lautet Naqoyqatsi: Leben als Krieg; im Sinne von einander töten.

„Er ist außer sich, tritt nach einer der Tauben, die hier unten was Essbares zu finden hoffen, tritt sie mit seinen dreckigen Füßen weg von den kleinen Krümeln, die jemandes Brötchen hinterlassen hat. Wie Abfall tritt er sie. Weil er auch mal jemanden treten will. Weil er sonst niemanden treten kann, ohne ‘ne gebrochene Nase oder Ausnüchterungszelle als Quittung zu bekommen.“

In diesem kleinen Abschnitt steckt nicht weniger als die Beschreibung eines Sozialcharakters des Psychoanalytikers Erich Fromm. „Nach oben buckeln und nach unten treten“, mit dieser „Radfahrermentalität“ hat Fromm den autoritären Charakter allgemeinverständlich umschrieben.

Verbrannte Erde

Jonas Suche wird in Rezensionen (irgendwie versucht das Feuilleton Kaufmann darauf festzunageln) als Identitätssuche missverstanden.  Doch wie könnte man in einer Welt des Wahnsinns so etwas finden, wie Identität? Während das Thema von Kaufmann doch gerade die Entfremdung der Menschen ist, kann hier höchstens Authentizität gesucht werden. Und diese kann man nicht einfach finden, die muss man sich erkämpfen; gegen alle Widerstände. Und ein nicht geringer Teil der Widerstände liegt in uns selbst. Wir wollen besser sein, scheitern aber immer wieder auch an uns selbst, sind wir doch nichts anderes als das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. „Verbrannte Erde hinterlassen ist alles, was du kannst.“

Man sollte nicht zu viel über den Plot erfahren. Der unwissende Zugang zur Geschichte, eröffnet erst das wahre Lesevergnügen. Nach etwa zwei Dritteln des Buches hat man das Gefühl, dass der Roman kippt. Und hier setzen auch die Kritiker ein und sehen zu stereotype, zu chaotische Szenen. Wenn man gewohnt ist nur oberflächlich zu lesen, dann wird das schon stimmen. Wer aber bereit ist hier ein Stilmittel zu erkennen bzw. wenigstens im Gesamtzusammenhang zu interpretieren, der wird erkennen, dass mit dem Kippen der Story auch die Realität kippt. Der Terror des kalten Krieges wird zum Terror des heißen Krieges. Der Terror der Ungewissheit wird zum Terror der Eindeutigkeit. Der Terror der ungewissen Zukunft wird zum Terror der ungewollten Gegenwart. Der Bruch ist ganz sicher ungewohnt und kommt auch vollkommen überraschend daher, zumal wenn man Kat Kaufmanns Superposition ebenfalls gelesen hat, aber er ist wirkungsvoll und in der Stringenz des Buches (rückblickend) geradezu notwendig.

Wir fahren gegen die Wand. Ungebremst. Denn da ist niemand, der den Warnenden, zuhören möchte. Und da ist die Verbindung zu Kaufmanns Debüt Superposition. Die Ignoranz der Menschen, unsere Ignoranz, gegenüber einander, gegenüber den echten Gefühlen, entfremdet die Menschen voneinander und treibt sie in die Selbstzerstörung. Individuell wie in Superposition oder Kollektiv wie in Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Wobei uns Kaufmann auch mit Jonas auf den Trip der individuellen Destruktion mitnimmt. Wie ich in der Rezension zu Superposition schrieb, lehnt sich Kat Kaufmann damit an Sartres „Die Hölle sind die anderen“ an. Bei Kaufmann ist es der Terror, der psychische wie physische Terror der Anderen. Die Ignoranz und Arroganz. Nicht zuhören wollen, keine Konsequenzen sehen wollen. Keine Verantwortung übernehmen. Mit Vollgas gegen die Wand.

Zum Scheitern verurteilt

Das Ich ist Klischee. Unser Ich besteht vornehmlich aus Vorstellungen und Einstellungen die auf Vorurteilen und Stereotypen gründen. Sigmund Freuds Bonmot „Wo Es war, soll Ich werden.“ bedeutet, dass die unbewussten Wünsche, Hoffnungen, Ängste und unser Verlangen grundlegend das Ich prägen und beeinflussen und wir zu einem Großteil nichts davon wissen. Ein wesentlicher Teil unserer Gefühle ist dem Bewusstsein entzogen. Wie könnte da die Realität von Jonas anders strukturiert sein?

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster ist eines der Bücher, die man zweimal lesen kann und zwar sofort hintereinander. Denn man vermisst die Protagonisten, mit denen man trotz der Kürze eine parasoziale Beziehung eingegangen ist. Viel wichtiger sind aber die Tiefe und die Wendungen des Romans, die man sogleich beim zweiten Lesen ganz anders würdigen kann.

Es ist mir vollkommen unverständlich wie man Kat Kaufmanns Romane dermaßen häufig fehlinterpretieren kann. Es gibt genügend Stellen an denen das Thema offen liegt, dem Leser geradezu ins Gesicht geschlagen wird.

„Im Endeffekt leben wir alle in der Scheiße, du, ihr, ich – wir alle. Nur dass wir uns die Scheiße bunt anmalen und mit ätzenden Reinigern besprühen, bis sie wie Blumen riecht…“
„Der Gegner war schon immer unsichtbar. Er hat geduldig auf dich gewartet. Du hast dich nur zu lange geweigert, zu kämpfen. Und jetzt ist es so weit. Schattenboxen dir selbst in die Fresse. Der Gegner ist dieses verfickte Leben.“

Und das ist das Thema von Kat Kaufmann. Das ist das Thema von uns allen. Friss oder stirb. Wie soll man dieses Leben ertragen? Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Das Scheitern bei der Sinnsuche und beim Eskapismus sind vorgezeichnet. Und dennoch gibt es keine Alternative. „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ So wie in Kafkas Kurzgeschichte Vor dem Gesetz der Protagonist keinen Einlass in das Tor erhält und dieses Tor ausschließlich für ihn bestimmt war, so ist auch Jonas Trip ausschließlich für ihn bestimmt. Diesen Trip zu lesen ist Pflichtlektüre für alle philanthropischen Misanthropen und für alle die intelligente Hyperbel zu würdigen wissen.

Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es direkt bei Hoffmann und Campe.

P.S.: Wollte ich schon immer mal sagen: Quasi eine Rezension für die Katz.

 

Kat Kaufmann
Die Nacht ist laut, der Tag ist finster
Verlag: Hoffmann und Campe
Einband: Schutzumschlag
Seiten: 272
Preis: 20,- €
ISBN: 978-3-455-00105-1
Erscheinungsdatum: 16.05.2017