cover der spiegel im spiegel
Kurzgeschichten:
Michael Ende
Preis:
9,90 €

Rezension von
Bewertung:
5

Auf einen Blick:

Genial-Surreale Kurzgeschichtensammlung (für Erwachsene)

Der Spiegel im Spiegel

Der grandiose Michael Ende hat nicht nur phantastische Kinder- und Jugendbücher geschrieben, er hat auch einige Bücher für Erwachsene veröffentlicht. Ein ganz besonderes ist Der Spiegel im Spiegel. Ein Labyrinth. Es ist eine Kurzgeschichtensammlung, die düsterer und surrealer kaum sein könnte. Es gibt Gewalt, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, endlose Trauer und unendliche Schmerzen. Es gibt Hoffnung und Zuversicht. Aber vor allem gibt es Verwirrung. Denn erst, wenn man sich in den Ozean der Orientierungslosigkeit begibt, kann man anfangen sich neu zu orientieren.

Man kann es nicht treffender beschreiben, als es auf der offiziellen Webseite von Michael Ende getan wird:

„Lesen zwei Leser das gleiche Buch, so lesen sie dennoch nicht dasselbe. Jeder von beiden bringt sich selbst in die Lektüre ein. Das Buch ist also ein Spiegel, in welchem sich der Leser spiegelt. Aber auch der Leser ist ein Spiegel für das Buch. Was also zeigt ein Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt? Das literarische Spiegelkabinett Michael Endes entführt in ein Labyrinth von Gedanken und Bildern. Harmlose und komische, surreale und beängstigende Geschichten umgeben uns wie die verzerrten und naturgetreuen Bilder in einem Spiegelkabinett. Und nur wer den Mut zum Surrealen hat, den entläßt Michael Ende aus seinem Zauberlabyrinth verändert wieder ins Freie.“ Quelle

Die dreißig (Alb)Traum-Geschichten, sind jeweils unabhängige Erzählungen, weshalb sich Der Spiegel im Spiegel auch bestens als Nachttischlektüre empfiehlt, vorausgesetzt natürlich man nimmt die Albträume nicht mit in den eigenen Schlaf. Surreale Literatur ist natürlich nicht für jeden etwas. Man muss sich schon auf absurde Geschichten, luzides Erzählen und extrem kurze Handlungsstränge einstellen können. Aber ich bin vollkommen beeindruckt von Michael Endes Erzählkunst. Die Geschichten sind nur wenige Seiten lang und doch fesseln sie den Leser so sehr, als würde man den Protagonisten schon seit mehreren Kapiteln folgen.

Erkenne dich selbst, dich selbst

Die Geschichten „Die Bahnhofskathedrale stand auf einer großen Scholle“ sowie „Der Zirkus brennt“ sind von solch einer Intensität, dass ich mich an kaum andere Erzählungen erinnern kann, die trotz der Kürze solch eine Intensität entwickelt haben. Der reflexive Prozess kommt einerseits dämmrig, ganz dem Albtraum verhaftet daher, andererseits wird der Prozess mit dem Vorschlaghammer der emotionalen Betroffenheit herbeigeführt.

„Nein!“ schreist du, „das ist nicht zu ertragen! Gibt es denn keine Rettung vor dir? Was liegt dir an mir? Warum läßt du mich nicht in Frieden hier bleiben, wo ich bin? Ich will deine Freiheit nicht!“

„Du wirst frei sein“, sagt er, „oder du wirst nicht mehr sein.“

Michael Ende hat immer mal wieder betont, dass seine Geschichten keine Moral, keine Empfehlungen enthalten sollen. Der erhobene Zeigefinger war ihm ein Gräuel. Und dennoch sind seine Geschichten voll von Tatsachen, die es zu verändern gilt. Oder einfach nur von Tatsachen. Oder Veränderungen?

„Ich wollte die Unterdrückung beenden, aber dazu mußte ich diejenigen, die mich daran hindern wollten, in den Kerker werfen und vernichten. Ich mußte zum Unterdrücker werden. Um die Gewalt abzuschaffen, müssen wir Gewalt anwenden. Um das Elend zu beseitigen, müssen wir Elend hervorrufen. Um den Krieg unmöglich zu machen, müssen wir Kriege führen. Um die Welt zu retten, müssen wir die Welt vernichten. Das ist die Wahrheit der Macht!“

Michael Endes Der Spiegel im Spiegel ist Pflichtlektüre für alle, die Michael Ende zu schätzen wissen, die surreale Literatur nicht von vornherein ablehnen und für alle, die sich gerne den eigenen Gefühlen stellen.

„Ich habe mein Leben lang gewartet und bin alt geworden in der Erwartung aufzuwachen, und seht her, wo ich bin! Ich beneide die alle um ihre Unbekümmertheit. Ich bin bekümmert.“

 

Mehr Informationen inklusive Leseprobe direkt bei dtv.

 

Michael Ende
Der Spiegel im Spiegel. Ein Labyrinth.
Mit Abbildungen von Edgar Ende
Verlag: dtv Literatur
240 Seiten
Erschienen: 1. Oktober 2006
Preis: 9,90 €
ISBN: 978-3-423-13503-0