Roman:
Henrik Tikkanen
Preis:
22 €

Rezension von
Bewertung:
5

Auf einen Blick:

Sprachgewaltiges Mustread!

Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35

Es gibt Bücher, da wirkt jeder Satz wie ein Vorschlaghammer, ob der Bedeutung der Worte. Und es gibt Bücher, da ist jeder Satz ein Stich mit dem Florett ins Nervenzentrum. En garde! „Meine Mutter war aber nicht so gut, wie sie schön war, in Wahrheit war sie so schön, dass sie sich nicht im Mindesten darum scherte, auch noch gut zu sein.“ Von Henrik Tikkanen ist lediglich, anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2014, ein Buch ins Deutsche übertragen worden. Was für ein Skandal. Denn Tikkanen beherrscht die Sprache, wie es nur die ganz großen Literaten vermögen. Hier wird das Lesen zur Sucht. „Zu dem Zeitpunkt als mein Vater starb, hielt ich ihn für einen Schuft und meine Mutter (fast) für einen Engel. Als meine Mutter starb, sah ich es genau anders herum. Jetzt tut es mir nur noch um uns alle furchtbar leid.“

Tikkanen spielt mit der Sprache und heraus kommen unzählige Sätze, die das leider viel zu kurze Werk – nach 152 Seiten ist bereits ausgelesen – zu einer Ansammlung von Aphorismen macht. Und wie das mit Aphorismen und exzellenter Literatur ist, kann man das Buch auch öfter lesen. Da ich das Buch bereits vor einem halben Jahr gelesen hatte, habe ich es für diese Rezension noch einmal gelesen. Und es hat mich sofort wieder begeistert. „Die Pünktlichkeit der Züge in Mussolinis Italien und Hitlers Deutschland schätzte er höher als Demokratie.“ Wer braucht schon 500-Seiten-Romane, die lieblos in Masse produziert werden, wenn man auf jeder Seite einen Satz für die Ewigkeit entdecken kann. „Als Beispiel nannte Großvaters Bruder Worte wie Toleranz, Gleichheit, Freiheit und Liebe. Alle taugten sie bestens als Vorwände für Unterdrückung, Ausbeutung, Krieg und Hass.“

Aus den Beispielen wird schon ersichtlich worum es in „Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35“ geht. Es ist die Familiengeschichte von Henrik Tikkanen selbst. Eine fiktionalisierte Autobiografie mit wenig Fiktion dafür aber viel Autobiografie. Der Buchtitel ist eine finnische Adresse und dazu noch keine schlechte. Tikkanen wuchs in Finnland auf in der Hauptstadt Helsinki. Dort wurde er allerdings in die elitäre Minderheit der Finnlandschweden geboren, die sich auf der Insel Brändö „in einer Festung verschanzt und die zunehmend eklig werdende Wirklichkeit ausgesperrt“ hatte. Tikkanens 1975 in Finnland erschienener Schlüsselroman war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Abrechnung mit der Oberschicht, „Brändö war eben eine klassenlose Gesellschaft mit stark variierender Gleichheit“, ebenso wie die explizite Offenlegung der Verhältnisse, Charaktereigenschaften und Verfehlungen der eigenen Familie waren ein Tabubruch – wenn auch ein willkommener.

Tikkanens „gruselige Geschichte über vorzeitigen Tod, Unheil, Unzucht und Schnaps“ hat zwei große Themen. Zum einen das bigotte Leben einer im Konsum erstarrten Oberschicht mit all seinen schrecklichen Auswirkungen und zum anderen der Krieg – eine dieser Auswirkungen. Wenn es eine Essenz aus Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35 zu ziehen gibt, dann „Nie wieder Krieg“ mit all seinen Konsequenzen. Tikkanen der 1928 geboren wurde, 10 Jahre nach dem ersten Weltkrieg, meldete sich freiwillig zum Fronteinsatz im zweiten Weltkrieg – mit 16, wie frei-willig ein 16jähriger so ist. „Wir marschierten in Reih und Glied, und die Pfarrer kommandierten »Ausrichten« und »rechts um« und »links um«, damit einmal gute Soldaten aus uns würden. Die Geistlichkeit in Finnland hatte immer Schwäche fürs Militär, weil sie begriffen hatte, dass der Weg des Kriegers ins Reich Gottes der direkteste ist.“

Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35 ist ein Familienroman oder eher eine Tragödie, eine bitterschöne Autobiografie, eine Sammlung wundervoller Formulierungen, ein Anti-Kriegsroman, Gesellschaftskritik, eine Selbstfindung und ein brutal ehrliches Buch. 152 nachhaltige Seiten. Tikkanen nutzt dabei weder seine Sprachkompetenz noch seinen nie zynisch oder polemisch werdenden Humor, um seine Familie zu erniedrigen und sich selbst zu erhöhen, wie es so häufig vorkommt. Henrik Tikkanen schließt sich in die Kritik mit ein. Hier wird niemand geschont.

Mein Dank gilt Viktor Funk von der Frankfurter Rundschau, der mich auf Henrik Tikkanen aufmerksam gemacht hat: „Jede Seite von ‚Brändövägen 8‘ ist lesenswert, man könnte ohne zu übertreiben sagen: fast jeder Satz.“

Henrik Tikkanes „Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35“ ist ein Mustread für jeden Bibliophilen, Bibliomanen und vor allem für alle Sprachverliebten. Denn wer wollte nicht einmal solche Sätze lesen: „Es steht fest, dass Vater schon in jungen Jahren ganz schön viel getrunken hat. Das passte zu seinem überschäumenden Temperament. Wie er mit der Schrotflinte auf Tontauben schoss, zielte er mit Champagnerkorken auf das Leben selbst.“

 

Mehr Informationen mit Leseprobe beim Verbrecher Verlag.

Henrik Tikkanen
Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35
Übersetzer: Karl-Ludwig Wetzig
Leinen mit Leseband
152 Seiten
Verbrecher Verlag
Berlin 2014
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783957320148